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Schein und Sein


Obrigkeits-Satire "Der Biberpelz"

27.10.2013 (jnl)
Auch bei Klassikern ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Die Premiere von Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz - eine Diebskomödie" am Samstag (25. Oktober) auf der Bühne des Hessischen Landestheaters Marburg geriet zu einer Sozialsatire in schönster Comic-Ästhetik.
Die früher viel gespielte Komödie von 1893 schildert das von Diebstählen geprägte Zusammenleben von Armen und Reichen im damaligen Speckgürtel Berlins. Zugleich ist das Stück eine Satire auf den Übereifer vaterländischer Amtsinhaber, überall Subversion und Terroristen zu "riechen" und darüber ihre grundlegenden Aufgaben zu vernachlässigen.
Regisseur Marc Wortel zeigte einmal mehr eine sichere Hand, die Schauspieler zu dirigieren. Die zweistündige Inszenierung - inklusive einer 20-minütigen Pause - bot eine unterhaltsame, leichte Komödie, die in den satirischen Partien allerdings deutlich ins Karikaturhafte überzeichnete.
Beim Betreten des Theatersaals wurde man annehmlich überrascht vom Ensemblemitglied Julia Glasewald, die als Cabaret-Tänzerin zum Song-Looping "Blue Velvet" anmutige Bewegungen vorführte. Dieser hübsche Regie-Einfall nahm den Anspruch der Inszenierung vorweg, vor allem Kurzweil zu vermitteln.
Ogün Derendeli als Muttersöhnchen Leon Wolff verhalf dem Stück zu einem starken Einstieg, so dadaistisch wirkte seine Kostümierung und Rollenpräsenz zunächst. In seiner zweiten Rolle als Amtsschreiber Glasenapp war er nur ein stummer Schleppenträger und für das Tschingderassabumm zuständig.
Herausragend spielte Christine Reinhardt als verschlagene Mutter Wolff. Es machte großen Spaß, ihr zuzuschauen, wie sie perfekt im schlesischen Dialekt und mit gekonntem Habitus alle Register zog.
Die zweite Hauptrolle füllte Sebastian Muskalla als Amtsvorsteher von Wehrhahn mit Bravour. Obschon seine von Ehrgeiz und Eitelkeit protzenden Auftritte durchaus zum Lachen reizten, geriet durch die Überzeichnung das Ganze etwas aus der Balance.
Für die notwendige Erdung sorgte Thomas Streibig als bestohlener wohlhabender Bürger Krüger. Mit viel Gespür für Zwischentöne eroberte der Altstar der Marburger Bühne sich eine Art dritte Hauptrolle.
Die undankbare Rolle des von allen missachteten Amtsdieners Mitteldorf spielte Fabian Baumgarten als träumender Pierrot mit roter Clownsnase. Seine Bewegungsstudien und sein "Somewhere-over-the-Rainbow"-Auftritt fielen positiv auf.
Die weiteren fünf Darsteller zeigten alle eine solide Leistung. Sie hatten aber alle nur eher kleine Nebenrollen, die das soziale Milieu in der Provinz des wilhelminischen Deutschlands illustrierten.
Die eigentliche Glanzleistung dieser Inszenierung vollbrachte indes der Ausstatter Donald Becker. Die von ihm konzipierten Kostüme samt maskenhafter Schminke hatten große Klasse.
Sein Bühnenbild - etwa die tollen Fährmannsruder und die großartige, ausklappbare Amtsstube des Barons von Wehrhahn - strotzte vor guten Ideen. Diesen kreativen Profi im besten Sinne möchte man in Marburg öfter genießen.
Dem Publikum der restlos ausverkauften Bühne am Schwanhof gefiel die Inszenierung ausgezeichnet. Fünfmal durften die Schauspieler zum Schlussapplaus herauskommen und freudestrahlend ihre Premiere feiern.
Weitere zwölf Aufführungen der "Diebskomödie" sind in dieser Spielzeit geplant. Die nächsten Termine sind am Donnerstag (31. Oktober) und am Donnerstag (14. November).
Jürgen Neitzel
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