Logo: marburgnewsMobile Marburgnews

Zum Menü

Gewunden


Einst waren ein Drittel der Politiker im Kreis Altnazis

11.10.2013 (fjh)
In den 50er Jahren war jeder dritte Politiker in den Landkreisen Marburg und Biedenkopf ehemaliger Nazi. Das hat eine Studie von Prof. Dr. Hubert Kleinert von der hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Gießen jetzt aufgezeigt. Vorgestellt haben der Autor und Vertreter des Landkreises Marburg-Biedenkopf die ernüchternden Ergebnisse am Donnerstag (10. Oktober) im Landratsamt.
Jede Dritte der untersuchten Personen war laut Kleinert Mitglied der SS, der faschistischen "Sturm-Abteilung" (SA) oder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Über das Ausmaß der Verstrickung wie auch über Fakten zu einzelnen Politikern waren Kleinert wie auch Vertreter des Landkreises überrascht.
Bereits bekannt gewesen war der hohe Stimmanteil der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1933. Doch auch nach Kriegsende haben ehemalige Mitglieder von Nazi-Organisationen die Geschicke der beiden Landkreise maßgeblich mit beeinflusst. Knapp 35 Prozent der damaligen Kreis-Funktionäre waren frühere Mitglieder von NSDAP, SS, SA oder anderen NSDAP-Unterorganisationen.
2012 hatte der Kreistag Marburg-Biedenkopf die Untersuchung auf Antrag der Linken einstimmig in Auftrag gegeben. Doch selbst die stellvertretende Linken-Fraktionsvorsitzende Dr. Ingeborg Cernaj zeigte sich überrascht, dass der Anteil so hoch war.
Überprüft hat Kleinert die Biographien von 341 Personen. Darunter waren Landräte und Bürgermeister ebenso wie Kreistagsabgeordnete und andere Funktionsträger der Kreisverwaltungen in Biedenkopf und Marburg.
Alle untersuchten Personen wurden vor dem 8. Mai 1927 geboren und spielten in der Kreispolitik in Marburg und Biedenkopf eine Rolle. 301 Lokalpolitiker konnte Kleinert im Bundesarchiv Berlin und dem hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden eindeutig einordnen. 104 von ihnen haben eine NS-Vergangenheit.
Mit seinen Ergebnissen hat Kleinert die Angehörigen konfrontiert, um weitere Details zu erfahren. Das sei ihm nicht leicht gefallen, denn die Reaktionen waren zum Teil emotional.
Unter den 104 belasteten Personen sind auch Überraschungen. Bisher nicht bekannt war, dass der einstige SPD-Landrat August Eckel NSDAP-Mitglied war. Seine Biographie bringe sonst eine klare Opposition zum Nationalsozialismus zum Ausdruck, betont die Studie.
Eckel ist ein Beispiel dafür, dass sich auch in der SPD zahlreiche ehemalige NS-Parteimitglieder fanden. Am stärksten betroffen waren aber FDP, CDU, FWG und der "Bund der Heimatlosen und Entrechteten" (BHE).Mit dieser Studie folgt der Landkreis dem Beispiel mehrerer Ministerien, Behörden und Bundesländer wie beispielsweise Hessen. Dass die Aufarbeitung fast überall erst mehr als 65 Jahre nach Kriegsende erfolgt, ist zwar misslich; dennoch sieht auch Kleinert die Studie als wichtigen Beitrag zum Verständnis der Kreisgeschichte.
Franz-Josef Hanke
Text 8744 groß anzeigen

www.marburgnews.de

© 2017 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg