09.10.2013 (jnl)
Es ist gut, wenn man Klassiker im Theater mal nicht todernst tragödisch serviert. Die Fliegende Volksbühne Frankfurt Rhein-Main kürzte Goethes "Faust I" auf ein zweistündiges, kurzweiliges Episodendrama.
Das Gastspiel im
Hessischen Landestheater feierte seine Marburg-Premiere am Dienstag (8. Oktober) auf der Bühne am Schwanhof. Das Volksbühnen-Duo Michael Quast und Philipp Mosetter setzte dabei vornehmlich komödiantische Akzente.
Quast zeigte sich als quirliger, verwandlungsfreudiger Draufgänger. Mosetter übernahm die Rolle seines autoritären Lehrers und Zuchtmeisters. Viele Zuschauer werden an eigene Kollisionen als junge Menschen mit derartigen steifen Autoritätern erinnert.
Mosetters Figur erlaubt es immerhin, über diese - für Bildungseinrichtungen so fatalen - Gestalten einmal ausgiebig zu lachen. Bei Quast hingegen ist man spontan hingerissen von seiner schier überbordenden Fähigkeit, Szenen lebendig werden zu lassen.
Den Ablauf gab jeweils Mosetter vor, indem er - wie in einer Kirche die Gesänge - die Versnummer der jeweiligen Episode angab. Quast begann dann, diese Texte szenisch laut zu lesen und mit Lauten und viel Körpereinsatz zu untermalen.
Die Selbstzweifel Fausts in seiner Studierstube, der Osterspaziergang, die Begegnung mit Gretchen, deren Verführung, Trauer und Einkerkerung wurden episodisch angerissen. Auch in den Szenen mit Mephistopheles begegnete man vielfach den zu festen Redewendungen gewordenen Zitaten wie zum Beispiel "Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust".
Wie in schlechten Seminaren belehrt Mosetter den über Grimassen hinaus zu keiner Gegenwehr befähigten Quast über die einzig wahre Interpretation der jeweiligen Episode. Gelegentlich gibt er darüber hinaus eigene Erlebnisse als Unglücksrabe des Liebeslebens zum Besten.
Der Mensch Johann Wolfgang von Goethe kommt nicht gut weg in den Tiraden des fiktiven Literaturwissenschaftlers. Nach seinem Dafürhalten hat er nur deshalb so anhaltend produktiv für große Literatur gesorgt, weil er in seinem Liebesleben angeblich arg verklemmt war.
Klar ist es manchesmal herzhaft zum Lachen, wenn wieder einmal die Psychoanalyse, die Quantenphysik oder die feministische Genderforschung als Eier des Kolumbus herhalten müssen. Auch als Crashkurs in "Goethes Faust für Banausen" - für Leute, die sich um die Faust-Lektüre bislang gedrückt hatten - funktioniert die Komiker-Veranstaltung ausgezeichnet.
Die darstellerische Leistung des Duos wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnt. Das zu zwei Drittel gefüllte Haus hatte die komödiantische Variante des Klassikers offenbar genossen.
Weitere Aufführungen sind am Mittwoch (9. Oktober), vom 26. bis 28. November) und am Dienstag (10. Dezember) sowie am Mittwoch (11. Dezember).
Jürgen Neitzel
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