25.06.2008 (sts)
Die Meinungen von Publikum und Jury differierten beim 8. Schreibwettbewerb des Fachbereichs Germanistik der
Philipps-Universität zum Thema „Fremd“. Vor 80 Besuchern in der
Waggonhalle erhielt Peter Janicki am Dienstag (24. Juni) den Jury-Preis für seine Kurzgeschichte "Contergan-Giraffe“. Der Publikumspreis ging an Julia Ratz für ihren Beitrag "Das war nichts“.
Fünf Texte befanden sich insgesamt in der Endausscheidung. Jeder Autor trug seine Kurzgeschichte vor und stellte sich anschließend dem Urteil der vierköpfigen Jury. Sie bestand aus der Lektorin Cordelia Borchardt vom Fischer-Verlag, der Autorin Constance Kleis, dem Vorsitzenden des Marburger Literaturforums Jan Süselbeck sowie dem Literatur-Professor Volker Mergenthaler von der Philipps-Universität. Neben dem Jury-Votum hatten auch die Zuhörer die Möglichkeit, über ihren Favoriten abzustimmen.
Die offen formulierte Themenstellung biete ein breites Spektrum an Ausarbeitungsmöglichkeiten, meinte Moderator Arne Betke einleitend. Am Ende stellte Borchardt fest, dass die inhaltlichen Schwerpunkte auf Tiere, Trunkenheit und ein gewöhnungsbedürftiges Frauenbild gesetzt worden seien.
Selbst die von der Jury prämierte, moralisch-satirische Geschichte um die contergangeschädigte Giraffe John, die unter lauter Krokodilen lebt, griff diese Aspekte auf. Das Kroko-Weibchen Imke "poppte nur die Alpha-Tiere“ und ließ sich erst mit John ein, als er im großen Stil in den Drogenhandel einstieg. Denn "Beziehungen sind ein Geben und Nehmen“, hieß es als Begründung hierzu im Text.
Um eine Beziehung drehte sich auch der Text von Julia Ratz. Der geliebte Jakob ist für die Ich-Erzählerin "der schönste Mann der Welt“. Dabei hat sie nie ein Wort mit ihm gewechselt. Sie verfolgt ihn nur. Als sie sich dann eines Tages doch kennenlernen, muss die Erzählerin ernüchtert feststellen: "Es ist viel leichter, zu lieben, ohne zu sprechen, ohne geliebt zu werden, ohne gehasst zu werden. Wir sind näher zusammen und weiter voneinander entfernt, als wir es je waren“.
"Endlich mal eine Beziehungsgeschichte ohne Handy und StudiVZ“, bemerkte Mergenthaler hierzu. Dennoch entschied sich die Jury letztlich für Janickis Text, der das Prädikat "Alice im Wunderland auf Drogen“ erhielt. Zudem gehe die Geschichte Wagnisse ein, spieße verschiedene Textsorten geistreich auf und schaffe originelle Verknüpfungen.
Als Preis erhielten die beiden Sieger Buchgutscheine und eine Tasche voller Literatur.
Stephan Sonntag
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