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Wissen über Zwiebeln aus Afghanistan

15.07.2013 (fjh)
Heilpflanzen in Afghanistan und das traditionelle Wissen der Bevölkerung über deren medizinische Verwendung erforscht der Marburger Pharmazeut Prof. Dr. Michael Keusgen. Dieses Wissen dokumentiert er, um es der Allgemeinheit und der Pharmazie für die Entwicklung von Medikamenten zugänglich zu machen.
Eine Forschungsreise führte Keusgen, der seit vielen Jahren zu Heilpflanzen entlang der historischen Seidenstraße arbeitet, kürzlich in den Nordosten Afghanistans in den Distrikt Yarwan in der Provinz Badakhshan. Dort leben auf über 3.000 Metern Höhe überwiegend Nomaden.
In dem nur zu Fuß erreichbaren Dorf Shingan an der Grenze zu Tadschikistan wächst unter anderem eine Zwiebelpflanze, die medizinisch wirksame Schwefelverbindungen enthält. Die Einheimischen sammeln im Frühjahr die frischen Blätter der Pflanze, um sich nach den langen, harten Wintern im Hochgebirge zu kräftigen.
Forschern ist die Pflanze unter dem wissenschaftlichen Namen "Allium darwasicum“ bekannt. Dass es sie überhaupt in Afghanistan gibt, hat Keusgen erstmals dokumentiert.
Auch andere Zwiebeln dienen den Menschen als Heilpflanzen: "Allium oschaninii“ wächst auf einer Höhe von 2.300 Metern, sieht der europäischen Küchenzwiebel ähnlich und wirkt gegen Atemwegserkrankungen. Magen-Darm-Beschwerden und Schmerzen werden auch mit Minze, Oregano und Berberitzen bekämpft.
Keusgen befragte die Bevölkerung. Dadurch erhielt er Informationen über die Verwendung von rund 20 Pflanzenarten.
So erfuhr der Pharmazeut, dass die auf dem Basar von Yarwan verkauften Pilze nicht nur als Gemüse, sondern auch gegen Augenleiden verwendet werden. Der Enzian, den Keusgen im Gebirge fand, dient der Bevölkerung wegen seiner Bitterstoffe genauso wie in Europa als verdauungsförderndes Mittel.
Unterstützung bei seiner Arbeit erhielt Keusgen von Bastian Roos. Der Berater des Kanzlers der Balkh-Universität ist als Fachkraft von dem in Frankfurt ansässigen Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) nach Mazar-e Sharif entsandt worden. Roos half Keusgen dabei, Kontakt zur Bevölkerung zu knüpfen und ihr Wissen zu dokumentieren.
Das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützte Vorhaben war zunächst als Pilotprojekt konzipiert, um herauszufinden, ob eine solche ethnopharmazeutische Forschung in einem abgelegenen Winkel Afghanistans sinnvoll ist. "Die Reise hat gezeigt, dass die Frage eindeutig mit Ja zu beantworten ist", resümierte Keusgen. "Es gibt wahrscheinlich wenige Regionen auf dem Globus, in denen sich derartig wertvolle Informationen zu Arznei- und Nutzpflanzen sammeln lassen.“
Der DAAD hat ihm vorgeschlagen, ein Buch über afghanische Heilpflanzen zu erstellen. Darin sieht er eine Investition in das langfristige Ziel, den Gesundheitssektor im Land zu entwickeln und den Menschen grundlegende Medikamente zugänglich zu machen.
Bei diesem Projekt arbeitet Keusgen mit der Balkh-Universität in Mazar-e Sharif zusammen. Dort ist er aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Dekan auch gefragt, den Aufbau von Forschung und Lehre am neu gegründeten Fachbereich Pharmazie zu unterstützen.
Dabei geht es vor allem um die Entwicklung eines Lehrplans und um die Integration der Pharmazie in das medizinische Kompetenzzentrum der drittgrößten Hochschule in Afghanistan. "Talentierten Wissenschaftlern wollen wir außerdem die Möglichkeit geben, in Marburg zu promovieren“, sagte Keusgen über die derzeitigen Pläne für die Zusammenarbeit der Philipps-Universität mit der Balkh-Universität.
pm: Philipps-Universität Marburg
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