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Demnächst Frühling


Neues Forschungsnetzwerk zum arabischen Raum

24.04.2013 (fjh)
Ein neues orientwissenschaftliches Forschungsnetzwerk an der Philipps-Universität ist angetreten, Geschichte und Gegenwart des Mittleren Ostens und Nordafrikas („MENA“-Region) einer kritischen Neubewertung zu unterziehen. Unter der Federführung des Centrums für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) erforschen Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete die gegenwärtigen sozialen, kulturellen und politischen Transformationsprozesse in der arabischen Welt.
Mehr als drei Millionen Euro hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für den Verbund unter dem Titel "Re-Konfigurationen“ bewilligt. Das Projekt startete am 23. April 2013 mit einer Feier in der Aula der Alten Universität.
"Die beeindruckende Aufbauleistung des CNMS erfährt durch die Bewilligung eine höchst verdiente Anerkennung“, freute sich Universitätspräsidentin Prof. Dr. Katharina Krause. "Der Verbund wird eine Brücke zwischen der Regionalforschung und Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Geschichte schlagen.“
2012 hat von Marokko bis Syrien eine Reihe von Umwälzungen eingesetzt. Sie richten sich gegen die herrschende Ordnung. Gemeinhin werden sie unter dem Begriff "Arabischer Frühling“ zusammengefasst.
"Mit diesen Aufständen sind tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen evident geworden, die bislang nur unzureichend erforscht wurden“, erklärte der Politologe Prof. Dr. Rachid Ouaissa. Er ist Sprecher des neuen Forschungsverbunds.
Der weitere Verlauf der verschiedenen Revolten in der Region sei zwar nicht absehbar; doch unabhängig von dem Ergebnis, das der Aufbruch des Jahres 2011 haben werde, könne es kein einfaches Zurück zum Status quo ante in den Ländern dieser Region geben.
"Sowohl auf der machtpolitischen wie auf der diskursiven Ebene werden die Verhältnisse nach einer längeren Phase scheinbarer Stagnation nun erneut ausgehandelt", meinte Ouaissa. Um diese Umbrüche in ihrer Tragweite richtig einschätzen und adäquat darauf reagieren zu können, müsse die westliche Regionalwissenschaft jenseits tagespolitischer Entwicklungen den historischen Kontext des 20. Jahrhunderts sowie aktuelle geschichtspolitische Prozesse in den Gesellschaften der MENA-Region in den Blick nehmen.
Dafür führt das Forschungsnetzwerk vielfältige Fachrichtungen zusammen, die an der Philipps-Universität prominent vertreten sind. Neben dem CNMS sind das die Fächer Religionswissenschaft, Geschichte, Medienwissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, evangelische Theologie sowie das Zentrum für Konfliktforschung (ZfK), das Zentrum für interdisziplinäre Religionsforschung und das Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse. Dabei kommt Themenkomplexen wie Erinnerung, der historischen Aufarbeitung und der politischen Transformation eine besondere Bedeutung zu.
"Jenseits der bislang in der Region vorherrschenden nationalistischen und islamistischen Narrative mit ihrer stark ideologisierten Sicht auf die Geschichte wartet eine Vielzahl von bislang marginalisierten Stimmen und Geschichten darauf, Eingang in den breiten gesellschaftlichen Diskurs zu finden“, führte Ouaissa aus. Das stelle eine anspruchsvolle Aufgabe für die professionelle Historiographie und die Gesellschaftswissenschaften dar, der sich zunächst Universitäten und Forschungseinrichtungen in der Region selbst stellen müssten.
Doch auch die westlichen Regionalwissenschaften seien gefordert, ihre Forschung zur modernen Geschichte und Gegenwart der MENA-Region einer kritischen Überprüfung zu unterziehen: "Möglicherweise wurde in den vergangenen Jahren die Region zu stark unter dem Blickwinkel der islamischen Religion wahrgenommen.“ Das Forschungsnetzwerk trägt zu einer solchen Überprüfung bei. Gleichzeitig setzt es neue Akzente, die die in der bisherigen Forschung sichtbaren Leerstellen füllen sollen.
"Anknüpfend an schon lange an der Philipps-Universität etablierte Forschungsgebiete - wie Transitional Justice, Geschichtsaufarbeitung und Transitionsforschung - soll das Forschungsnetzwerk die globalen, komparatistischen, interdisziplinären und historischen Forschungsperspektiven für die MENA-Region in Forschung und Lehre verwirklichen“, erläuterte Ouaissa.
Bei der Eröffnung sprach neben Ouaissa und Vertretern von Universität, BMBF und dem Land Hessen auch der Historiker und Afrikanist Prof. Dr. Andreas Eckert aus Berlin. Sein Vortrag stand unter dem Titel: "Wozu das ganze Theater um die Area Studies?“
pm: Philipps-Universität Marburg
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