20.06.2008 (sts)
Einen ungünstigeren Termin für ein "Kettcar"-Konzert konnte es kaum geben: Gerade hatte die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft den Einzug ins Halbfinale geschafft, da traten die fünf Hamburger am Donnerstag (19. Juni) auf die Bühne der Stadthalle.
Denn tumbe Fußball-Euphorie à la "Humba, Humba, Täterä“ ist nicht die Sache der Indie-Rockband. "Verwechselt uns bitte nicht mit Revolverheld“, rief Sänger Marcus Wiebusch dem rhythmisch mitklatschenden Fans unter den insgesamt 600 Zuschauern zu.
Im Laufe des eineinhalbstündigen Auftritts nahmen die "Deutschland-Deutschland"-Rufe aber nach und nach ab und der sangesfreudige und textsichere Teil des Publikums gewann zunehmend die Oberhand.
Es gibt in Deutschland wohl keine andere Band, deren komplexe Texte derart tief verankert in den Köpfen ihrer Fans sind wie die von Kettcar. Bester Beweis hierfür war der Song "Balkon gegenüber“, bei dem die Band den Gesang der Zuschauer lediglich instrumental begleitete.
Dennoch kamen auch die fußballseligen Konzertbesucher nicht zu kurz: "Landungsbrücken raus“, "Money left to burn“ oder das legendäre "Ausgetrunken“ waren Stücke mit eingängigen Refrains, die der ausgelassenen Stimmung entgegen kamen.
Auch Wiebusch schien von der Atmosphäre angetan: "Marburg, meine alte Dame, wenn ihr noch einen Hafen und einen richtigen Fluss hättet, dann wäre alles perfekt.“
"Kettcar" hat es seit seiner Gründung vor sieben Jahren mit der Kombination aus geschliffenem Indie-Pop und assoziativen Texten geschafft, auch kommerziellen Erfolg zu haben. Das aktuelle, im April erschienene Album "Sylt“ stieg gleich auf Platz Fünf der deutschen Album-Charts ein.
Für Musiker, die mehr als zwei Sätze in ihre Lieder packen, hat so etwas Seltenheitswert. Andererseits weckt es aber schon verloren geglaubte Hoffnungen, dass das Erfolgsrezept "Je simpler, desto erfolgreicher“ doch nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein muss.
"Kettcar" spricht mit seiner Musik all diejenigen an, für die Musik mehr bedeutet als reine Party- und Trink-Untermalung. Diese Texte sprechen jeden Einzelnen auf eine andere Art an, rufen zum Nachdenken auf und persönliche Erlebnisse hervor.
Ein Beispiel aus dem Song"„Am Tisch“ lautet: "Ein Toast auf das Leben, seine Lügen und wie wir uns zeitlebens abmühen für nichts und gar nichts. Ein Toast auf das Leben, einen Platz, auf dem man einmal so sein kann, wie man ist.“
Doch es ist nicht nur Bitterkeit oder Verzweiflung an den bestehenden Verhältnissen. Es ist auch immer wieder Hoffnung oder Protest, den "Kettcar" vermittelt und den es so wunderbar auch an vielen öffentlichen Toilettenwänden in Marburg zu lesen gibt: "Also tragt es in die Welt, haut es mit Edding an die Wände! So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.“
Da ist es auch nicht erstaunlich, dass das am vehementesten geforderte und ganz am Ende auch gespielte Lied sich ausgerechnet um die Liebe dreht. Nur mit Gitarre und Keyboard sowie dem Gesang aus 600 Kehlen begleitet, spielte "Kettcar" zum Schluss "Balu“. Dabei dreht es sich um ein Lied, das ursprünglich nie für Live-Konzerte vorgesehen war. "Manche sagen, es wär‘ einfach. Ich sage, es ist schwer. Du bist Audrey Hepburn und ich Balu der Bär“, heißt es darin. Und jeder schien sich in diesen Worten wieder finden zu können.
Stephan Sonntag
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