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Köpfe erwischt


Bühnenfassung nach Nabokovs "Einladung zur Enthauptung"

20.03.2013 (jnl)
Wer sich getraut, trotz des wenig anziehenden Titels in diese Eigenentwicklung des Hessischen Landestheaters Marburg zu gehen, wird mit einem spannenden, schwarzhumorigen Rätselspiel belohnt. Als deutschsprachige Erstaufführung in einer Bühnenfassung von Eva Bormann und Oda Zuschneid wurde "Einladung zur Enthauptung" nach dem Roman von Vladimir Nabokov (1899-1977) am Dienstag (19. März) auf der Bühne am Schwanhof aufgeführt.
Das literarische Motiv des zum Tode verurteilten Häftlings ist unter anderem von Jean-Paul Sartres "Die Mauer" und aus dem Film "Dead Men Walking" gut bekannt. Nabokow, der von 1922 bis 1937 in Deutschland lebte, schrieb seinen Roman 1934 als eine Auseinandersetzung eines Liberalen mit den russischen und deutschen Diktaturerfahrungen des frühen 20. Jahrhunderts.
Die Handlung spielt im Gefängnis, wo "Cincinnatus C." angesichts seines angekündigten Todes damit kämpft, nicht wahnsinnig zu werden. Unterhaltungen mit dem Wärter, seinem Anwalt, der 12-jährigen Tochter des Knastdirektors, Besuche mehrerer Mitglieder seiner Familie sowie dem unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auftauchenden Scharfrichter lenken ihn ein wenig ab.
Handlungsstark kann man das kaum nennen, denn das eigentliche Geschehen ist die Veränderung des Betrofffenen angesichts des schwebenden Damoklesschwerts. Er wird immer sprachloser, zieht sich zunehmend von anderen Menschen zurück.
Die wenigen von ihm geäußerten Wünsche werden ihm nicht erfüllt. Mit viel schwarzem Humor werden die Abläufe im Gefängnis, die Grausamkeit der fühllos ausgeführten Vorschriften sowie die von ihm so erlebte Absurdität familiärer Besuche geschildert.
Die Inszenierung von Oda Zuschneid, ihre erste Regiearbeit außerhalb der Kinder- und Jugendsparte, ist atmosphärisch dicht und szenisch prägnant. Dass dieses Psychodrama - trotz aller Rätselhaftigkeit der Handlungselemente - packend ist, zeigt die Tatsache, dass die ohne Pause durchgespielten 100 Minuten der Aufführung wie im Fluge vergingen.
Da alle historischen Zeitbezüge getilgt sind, kann man die Stoßrichtung gegen die Diktaturen nur aus dem biografischen Kontext des Autors ableiten. Die Gefangenschaft könnte auch die eines todgeweihten Krebserkrankten in der Chemotherapie eines seelenlos agierenden Klinikbetriebs sein.
Die speziellen Einfälle der Regie: die Tutu- Ballettröckchen aller Darsteller in einer Szene, der Erzähler, die Verwendung eines Mörtelkübels als Knastpritsche und des Laubläsers als Zerstörer der schriftlichen Aufzeichnungen kennzeichnen unter anderem gut den rabenschwarzen Humor des Stücks. Auch kommt die Aufführung gänzlich ohne irgendwelchen Klamauk aus.
Die Hauptdarstellerin Annette Müller spielte diese Charakterrolle mit großer Intensität und Wandlungsfähigkeit. Ihr Schwanken zwischen innerer Auflehnung und wachsender Resignation drückte sich in Verhaltensbrüchen zwischen Aktionismus und Erstarrung aus.
Einen starken Eindruck hinterließ Johannes Hubert in der Rolle des trügerischen Scharfrichters "Monsieur Pierre". Seine scheelen Blicke und schiefen Gangarten, die diesen obskuren Charakter markierten und eher noch rätselhafter erscheinen ließen, verlockten doch auch häufig zum Grinsen.
Timo Hastenpflug als Gefängnisdirektor muss ein wenig achtgeben, dass er nicht in allen Stücken den nämlichen Typus eines lautsprecherischen Machos verkörpert. In weiteren Mehrfach-Rollen gefielen Thomas Streibig als Erzähler und Anwalt sowie Christine Reinhardt als Richter, Marthe, Emmi und Mutter.
Ein ausdrucksstarkes Bühnenbild mit vielfältigen Luken, Türchen, zwei Galerien und vor allem einer schräg absinkenden Hauptspielfläche hat Julia Plickat geliefert. Als Ausstatterin zeichnet sie ebenfalls für einfallsreiche Köstüme verantwortlich.
Einen nicht geringen Anteil an der atmosphärischen Dichte der Aufführung hatte das Soundkonzept von Michael Lohmann. Es verwendete elektronische Geräuschcollagen ebenso wie Musik von Dmitri Schostakowitsch.
Der Applaus für diese ambitionierte Inszenierung war ehrlich und anhaltend. Der vergleichsweise geringe Zuschauerandrang ist bedauerlich, war aber bei diesem abschreckenden Titel zu erwarten.
Wenn es nicht gelingt, im potenziellen Publikum sowohl die Ader für theatralische Qualität als auch die Überzeugung von Unterhaltungswert gleichermaßen anzusprechen, wird der Inszenierung nur eine kurze Halbwertszeit vergönnt sein. Es reicht nunmal nicht, intellektuell zu glänzen, wenn man dabei die Abstimmung mit den Füßen verliert.
Jürgen Neitzel
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