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Ein Herz für Gewaltfreiheit


Anthony Burgess "Clockwork Orange" im Jugendtheater

11.03.2013 (jnl)
Der Trend zu risikoarmen Bühnenbearbeitungen von Literaturklassikern hat nun auch in der Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche (KUSS) Einzug gehalten. Weitgehend werktreu inszenierte die Ludwigshafener Theaterkumpanei im Pfalzbau "Clockwork Orange" nach dem Roman von Anthony Burgess aus dem Jahr 1962.
Die ausverkaufte Aufführung am Montag (11. März) auf der großen Bühne am Schwanhof kam bei den Jugendlichen, die in ganzen Schulklassen gekommen waren, ganz gut an. Absichtlich wies kein moralischer Zeigefinger auf die bei jungen Männern beliebten "Egoshooter" oder auf die - der Gewaltnähe verdächtigten - Gruppen, das wurde bemerkt.
Das Stück zeigt den 16-jährigen Alex, der mit seiner vierköpfigen Jugendbande in einer enthistorisierten, namenlosen Stadt impulsiv und hemmungslos grausam Gewalt gegen Zufallsopfer ausübt. Als er von der Polizei geschnappt und ins Gefängnis gesperrt wird, versucht die Regierung ausgerechnet an ihm, ein Exempel zu statuieren.
Mit der "Methode Ludovico" wird sein Körpergedächtnis auf Schmerz und Ekel umgepolt, sobald er von nun an Gewalt erlebt. Als frisch Entlassener muss er feststellen, dass er überall zum Opfer der Willkür und Gewalt Anderer wird, da er sich in keinem Fall mehr wehren kann.
Bei dem missglückenden Versuch, deshalb freiwillig sein Leben zu beenden, zerreisst die konditionierende Progammierung und er wird wieder ganz der alte Fiesling. Aufgeworfen wird die ethische Frage, ob man im Namen der Moral den freien Willen, sozialfeindlich böse zu handeln, überhaupt mit technischen Mitteln unterdrücken darf und kann.
Die Inszenierung von Peer Damminger setzte ganz auf die Kraft desTextes und seines Solo-Darstellers Philipp Leinenbach. Das Bühnenbild kam mit einer Badewanne und einem Rollstuhl sowie einer großen weißen Projektionsleinwand aus.
Neben einigen Videoeinspielungen von Nebenfiguren vermittelte "Alex" in einem fulminanten Monolog - samt unterstützender Gestik und Mimik - die gesamte Handlung. Diese Power-Leistung über knapp 90 Minuten - mit einem enormen Text-Konvolut - trug dem Schauspieler viel Bewunderung ein. Das wurde im freiwilligen Nachgespräch mit Regisseur, Darsteller und 30 Interessierten klar.
Eine echte Herausforderung an die Auffassungsgabe der Zuschauer stellte die - bereits bei Burgess angelegte - sprachliche Verfremdung dar. Hände, Füße, Kopf, Messer - alle möglichen Alltagsbezeichnungen wurden mit neuen Worten benannt, deren Bedeutung man als Zuschauer aus dem Kontext erraten musste.
Die verbal beschriebenen Gewaltübergriffe wurden in der Schilderung sehr plastisch, so dass man als Publikum im Normalfall zunehmend aufgebrachte Gefühle entwickelte. Als sich dann alles umkehrte, Alex nun das wehrlose Opfer Anderer war, wurde die Beklemmung nicht besser.
Dabei hatte der Solodarsteller bei aller schauspielerischer Professionalität voll gegen die eigene persönliche Ausstrahlung anzuspielen. Denn Leinenbach ist ein Mensch, der vom Naturell her eher Freundlichkeit und Optimismus in Gesicht und Haltung trägt. Man traut ihm das impulsive "Bösesein" des Alex gar nicht ohne Weiteres zu.
Eine große Rolle für das Funktionieren des Stücks hatten die eingespielten zeitgenössischen Musiktracks, die wesentlich zur aggressiven Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der geschilderten Gewaltexzesse beitrugen. Regisseur Damminger erläuterte im Nachgespräch, dass er zahlreiche Musiktitel nicht ins Stück nehmen durfte, weil sie wegen Gewaltverherrlichung oder Volksverhetzung in Deutschland verboten sind.
Überhaupt war das Angebot eines Nachgesprächs ein großes Pfund der Aufführung. Zahlreiche Zuschauer meldeten sich zu Wort und konnten ihre Fragen und Anmerkungen anbringen.
Wie lange hat der Darsteller geprobt, bis er Handlung, Bewegung und Text intus hatte und auftreten konnte, wurde gefragt. Die Antwort lautete: acht Wochen!
Gibt es eine Glaubwürdigkeitslücke in der Psychologie eines solchen "Intensivtäters" und der im Plauderton eines Aufschneiders gehaltenen Ich-Erzählung? Damminger meinte dazu, die Differenz erkläre sich daraus, dass der Erzähler älter geworden sei und auf seine früheren Taten mit Distanz zurückblicke.
Überhaupt gebe es kriminologische Daten, die darauf deuten, dass die Gewaltbereitschaft bei jugendlichen Männern ein Maximum habe und mit fortgeschrittenem Alter allmählich abflaue. Aber kann und will die deutsche Gesellschaft wirklich abwarten, ob sich jugendliche Gewaltexzesse irgendwann von selbst erledigen?
Die Realität der Taten jugendlicher "U-Bahn-Totschläger" habe diese ursprünglich als pessimistische Zukunftsvision konzipierte Erzählung längst eingeholt, sagte eine Frau im Publikum. Ist es also höchste Zeit, dass ein solches Theaterstück in den Schulen die Problemfrage "Gewaltbereitschaft" aufwerfen hilft?
Jürgen Neitzel
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