13.06.2008 (alx)
Eine innovative Lesung der Erzählung "Lenz" von Georg Büchner fand am Donnerstag (12. Juni) in der
Waggonhalle statt. In einer geheimnisvoll hergerichteten Umgebung las Theaterautor und Regisseur Steffen Schmidt eine gekürzte Fassung von Büchners Erzählung vor.
Die Stühle standen in Dreier-Gruppen im Raum verteilt. Kerzen auf dem Fußboden beleuchteten den ganzen Raum. Auf einer Bühne standen zwei Tische mit Laptops und anderen technischen Geräten.
Links neben der Bühne war ein großer Flügel aufgebaut. Auch auf ihm thronte ein Laptop.
Schweigend betraten drei Gestalten die Bühne. Jeder setzte sich an seinen Platz. Ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, begann Schmidt mit seiner eigenwilligen Lesung.
Begleitet wurde er dabei von dem Video-Künstler Thorsten Greiner sowie Michael Klemm an Klavier und Laptop. Denn um eine einfache Lesung drehte es sich am Donnerstagabend nicht. Greiner und Klemm begleiteten Schmidt sowohl visuell als auch akustisch.
Greiner visualisierte die Lesung mit bewegten Bildern. Klemm untermalte Lesung und Bilder mit elektronischer Musik.
"Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.", begann Schmidt, aus dem "Lenz" vorzulesen. Dazu bewegten sich Bilder von Wolken am Himmel im Hintergrund.Gleichzeitig begannen sphärische Klänge, den Raum zu erfüllen. Einem Mantra gleich, flüsterte eine in die Musik eingebettete Stimme immer wieder die Worte: "So nah. So nass. So klein.". Daneben hörte man Geräusche, die schwerem Atmen glichen.
Büchners Erzählung handelt von dem Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 - 1792), der sich auf den Weg in das Bergdorf Waldbach begibt. Dort sucht er den Pfarrer Oberlin auf, um ihn bei seinen Besuchen und Messen zu begleiten.
Während seines Aufenthalts und seiner Wanderungen wird Lenz immer wieder von Angstzuständen heimgesucht. Nach mehreren Selbstmordversuchen lässt Oberlin Lenz schließlich nach Straßbourg bringen.
Die Erzählung handelt von der Suche des Individuums nach einem Platz in der Welt. Auch Schmidt lud mit seiner Lesung zu einer solchen Reise ein.
"Er wühlte sich ins All.", trug er weiter vor. Auf den Bildern im Hintergrund durchlief der Mond seine einzelnen Phasen.
Die Mantras flüsternde Stimme verschwand. Stattdessen ertönten einzelne - wie zufällig gespielte - Klavier-Laute.
Danach wechselten sich Bilder von Blumen, Feuer, Augen und Händen ab. "Die Welt hat einen Riss.". Im Hintergrund versuchte nun die Hand, nach der Welt zu greifen.
Mit einem Dreiklang aus Musik, Bildern und Text ist es Schmidt außerordentlich gut gelungen, Einblicke in Einsamkeit, Angst und Wahnsinn zu liefern. Er konstruierte einen Raum, in dem man sich auch als Zuschauer leicht einsam fühlen konnte. Grund dafür war nicht zuletzt der begrenzte Andrang.
Schmidts Lesung richtete sich nicht an Jedermann. Wer jedoch bereit war, sich darauf einzulassen, wurde Teil einer beeindruckenden und einzigartigen Klang- und Bildreise durch Büchners Erzählung "Lenz".
Alexandra Appel
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