04.06.2008 (alx)
"Styx" ist das neue Theaterstück des Autors und Regisseurs Steffen Schmidt. Im April 2007 wurde es im
Kulturzentrum Waggonhalle uraufgeführt. Anfang 2008 ist es auch in gedruckter Form im Synergia-Verlag erschienen.
Bekannt ist der Name "Styx" aus der antiken Mythologie. Dort bezeichnet das griechische Wort den Fluss, der das Totenreich von der Welt der Lebenden trennt.
In dem Stück "Styx" erzählt Schmidt das Drama einer Internet-Bekanntschaft in drei Akten. Die zentrale Frage dabei lautet: "Was ist die Realität?".
"i.love" und "nightstar" treffen sich in einem Chat der Internetseite "Flirt Fever". Im Chat kommunizieren die beiden mit Hilfe elektronischer Datenverbindungen in Echtzeit. So müssen sie nicht an ein und dem selben Ort sein, können sich aber dennoch unterhalten und sogar Bilder austauschen. Die Internetseite "Flirt Fever" gibt es übrigens wirklich.
In knappen, unvollständigen Sätzen tauschen sie Informationen über sich aus. In ihrem realen Leben ist "i.love" Reisebegleiterin, schreibt sie. Eigentlich lebe sie in Stuttgart. Aufgrund der vielen Langstreckenflüge, die sie begleitet, sei sie jedoch selten dort.
"Bin in der wwwelt zu hause", erzählt sie "nightstar" im Chat. Ihr nächster Flug werde sie nach Vancouver führen.
"Nightstar" antwortet, er lebe in der Nähe von Frankfurt. Er sei 27 Jahre alt, arbeite viel und habe wenig Geld. Da er Autor sei, verbringe er aber viel Zeit am Computer.
"uhh! interesting" schreibt "i.love". Auch "nightstar" ist neugierig. Die beiden tauschen Fotos aus.
"ein ausschnitt, der nicht du ist", stellt "nightstar" fest. Auch ihr "geruch ist in den benutzerangaben leider nicht zu finden".
"i.love" kündigt an sich aus Vancouver zu melden. Vergeblich wartet "nightstar" auf eine Nachricht. Ohne das Haus zu verlassen, verbringt er - auf den Bildschirm starrend - Wochen vor seinem Computer. Von einem Besuch beim Psychiater sieht er letztendlich ab.
Er taumelt zwischen Wirklichkeit und virtuellen Computerwelten. Manchmal suche er sich nackte Frauen im Internet. An anderen Tagen "kommen abgebombte Körperteile aus dem Bildschirm gekrochen.". Dann setzten sie sich neben ihn auf die Couch.
Mit einem Finger reist er über die Weltkarte. Von einem Moment zum Nächsten kann er ganz woanders sein. Nicht die physische Gestalt des Raums verbindet ihn mit "i.love". Vielmehr ist es der Raum der Datenströme, aufgespannt durch elektronische Leitungen und Informationsströme. "Materie spielt keine Rolle mehr".
"i.love" hingegen nimmt die Internet-Bekanntschaft weniger ernst. Zwar stellt sie sich Fragen danach, ob "nightstar" wirklich der ist, der er vorgibt, zu sein. Jedoch bleibt es letzten Endes "ultraohnebedeutung".
Für sie wird durch das Internet alles möglich. Sie ist überall erreichbar.
"i.love" hat vier Nutzerkonten zum Flirten. Zwei weitere benutzt sie für private Kontakte und Freunde.
Praktisch und verwirrend zugleich findet sie die neuen Möglichkeiten. Aber festlegen möchte sie sich sowieso nicht: "manchmal glaube ich, etwas besonderes zu suchen: einen mann ohne körper – nur zahlen."
Nicht mehr an Materie gebunden zu sein, ist für sie "ultraevolutionär". "Technik ist unser Stil", glaubt sie. Darin liege das "wiedergewonnene Paradies".
Kontakte sind einfach, bleiben aber dennoch spannend. Gut findet sie auch, dass man von sich selbst nicht all zu viel preisgeben muss. Für jeden Anlass kann man so eine eigens dafür konstruierte Persönlichkeit in der virtuellen Internet-Welt annehmen.
Einfach nur eine gedruckte Form des Theaterstücks ist das Buch jedoch nicht.
Fotografien des Videokünstlers Thorsten Greiner ergänzen den Text um visuelle Eindrücke.
Dabei stehen fotografierte Ausschnitte der Alltagswelt 3-D-Bildern von der Theateraufführung gegenüber. Besonders die 3-D-Bilder betonen die Befremdlichkeit, die bei dem Versuch entsteht, eine unsichtbare Welt körperlich darzustellen. Rote und grüne Schatten unterlegen die Konturen der Gestalten. Daneben kombiniert Greiner unterschiedliche Bilder miteinander. So unterstreicht er das Unwirkliche des Abgebildeten.
Außerdem ist auch noch eine CD Teil des Buchs. Das DJ-Duo Clemenz Korn und Steffen Schmidt alias "smood und cornsen" begleiten Text und Bilder mit computer-generierten Geräuschen und Melodien. 13 Stücke untermalen so das in Druckform erschienene Stück. Flüsternde und teilweise verzerrte Stimmen wiederholen dabei Textstellen des Stücks. Geräusche simulieren elektronische Impulse. Tippende Finger und klappernde Tasten werden von melodischen Einlagen unterbrochen.
So kann der Leser und Betrachter das Theater sozusagen mit nach Hause nehmen.
Mit dem Stück "Styx" ist es Schmidt gelungen, Faszination und Verwirrung über die Möglichkeiten des Internets darzustellen. Virtualität ist schon längst Teil der Realität. Unterschiedlich aber ist der Umgang mit jenen virtuellen Erfahrungen.
Abstrakt erscheint das Buch schon beim Aufschlagen der ersten Seite. Eine Bildserie zeigt "nightstar", der eine Hand in den dunklen Raum streckt, als wolle er etwas ertasten. Er greift ins Leere.
Wahrscheinlich liegt die Befremdlichkeit des Buchs in der Natur des Themas, das so schwer vorstellbare Konstrukt eines virtuellen Raumes real darzustellen. Davon ausgehend, hat Schmidt sein Anliegen der Realität auf den Grund zu gehen, interessant verwirklicht. Antworten gibt er dabei keine. Allein Fragen wirft er auf. Ess sind Fragen danach, wo die Realität beginnt und wo sie aufhört.
"Styx" selbst erscheint im Stück als "grauer Datenfluss" und "reißender Unendlichkeitsstrom". Eine klare Grenze jedoch bildet dieser Strom nicht mehr. Er ist so groß geworden, dass die Ufer nicht mehr zu erkennen sind.
Alexandra Appel
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