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Hoffnungsvolle Perspektive


Vortrag und Diskussion mit Dr. Bernd Hontschik

21.06.2012 (jnl)
Nach wie vor ist der Wunsch nach Rückabwicklung der Privatisierung des Universitätsklinikums eines der großen Themen in Marburg. Zu Vortrag und Diskussion mit Dr. Bernd Hontschik, den der Verein Notruf 113" am Mittwoch (20. Juni) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) veranstaltete, kamen mit rund 120 Menschen etwas weniger als erwartet. Auch wenn kein Spieltag der Fussball-Europameisterschaft war, beeinträchtigt sie derzeit die Teilnahme am kulturellen Leben allenthalben.Sehr kritisch setzte sich der Rendite-Medizin-Kritiker Hontschik in der mit "Aktie Patient ?! Rhön-Uniklinikum: Kurs auf Gesundheit?" betitelten Veranstaltung mit der Privatisierung des Krankenhauses auseinander. Mit vielen sachkundigen Argumenten untermauerte er den Standpunkt, dass zumal ein Universitätsklinikum gar nicht sinnvoll und wirtschaftlich nach Rendite-Zielen betrieben werden könne.
Nahezu jede Stimme aus dem Publikum äußerte Lob für den ermutigenden Vortrag Hontschiks. Der ambulante Chirurg ist eine anerkannte medizinische Kapazität, mehrfacher Sachbuchautor und zudem engagierter Kolumnist bei der Frankfurter Rundschau.
Seine Erwartung ist, dass bei einer tatsächlichen Übernahme der Rhönklinikum AG durch den Fresenius-Konzern dieser das UKGM möglichst bald abstoßen werde. Denn warum sollte ein börsenorientierter Weltkonzern beständige Imageschäden durch schlechte Schlagzeilen in den Medien in Kauf nehmen?
Aus dem Publikum kam die Frage, wer denn nun eigentlich der Hauptgegner der Bürgerinitiative "Notruf 113" sei? Moderator Dr. Friedrich Heubel antwortete, das sei eindeutig die Landesregierung. Denn nur gebe es das finanzielle und rechtliche Potenzial, die gescheiterte Privatisierung rückgängig zu machen.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Thomas Spies warnte eindringlich davor, auf die Beschwichtigungsversuche der Landesregierung hereinzufallen und den Widerstand abwartend erlahmen zu lassen.
Dr. Johannes Becker regte an, sich auf frühere Ansätze zu einer Überwindung der Mehrklassenmedizin und einer Bürgerversicherung zu besinnen. Durch Einbeziehung aller Einkommensarten könne die Medizin des 21. Jahrhunderts für alle Bürger bezahlbar werden. Durch diese Änderung der Stoßrichtung käme man weg von bloßen Abwehrkämpfen.
Eine kritische Stimme aus dem Publikum mahnte an, dass die bauliche und technische Sanierung des UKGM nicht aus den laufenden Erlösen zu bezahlen sei. Das liefe doch wieder auf Steuermittel oder Schuldenmachen hinaus.
Ein Sprecher von Notruf 113 rechnete vor, dass die von der Rhön AG ausgewiesene Gewinnsumme des letzten Jahres von 48 Millionen Euro der Gegenwert von rund 1000 Pflegepersonal-Stellen sei. Statt es sinnvoll für Erhalt und Steigerung der Qualität der Krankenversorgung zu investieren, würde dieses Geld für Aktionäre augeschüttet. Da liege der Hund begraben.
Hontschik freute sich über die vielen kritischen und engagierten Nachfragen. Er erlebe, dass ein enormer Stimmungsumschwung in der Ärzteschaft des UKGM stattgefunden habe. Es gelte, dieses Potenzial zu gemeinsamem Widerstand voranzubringen.
Ein Krankenhausarzt im Publikum berichtete, dass er seit längerem morgens mit innerem Schmerz zur Arbeit antrete. Der Spagat zwischen ärztlichem Ethos und geforderter Anpassung an die Renditeorientierung fiele ihm schwer.
Hontschik wurde sehr ernst bei diesem Bekenntnis. Als ambulant praktizierender Chirurg könne er selbst jeden Tag froh zur Tat schreiten. Aber er kenne den Konflikt aus seiner früheren Klinikstätigkeit. Aus seiner Sicht sei dieser Leidensdruck die Vorstufe für unbeugsamen Änderungswillen.
Jürgen Neitzel
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