20.06.2012 (ms)
Mit der Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille wird der ehemalige Universitätspräsident Prof. Dr. Horst Kern geehrt. Nachwuchswissenschaftler aus Marburg und Gießen erhalten Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreise.
Fünf Wissenschaftler ehrt die
Von-Behring-Röntgen-Stiftung am Dienstag (14. August) im Rahmen eines Festakts in der Aula der Alten Universität für ihre Leistungen in der medizinischen Forschung. Die - mit jeweils 2.500 Euro dotierten - Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreise werden an drei Marburger und einen Gießener Forscher verliehen.
Mit der Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille würdigt die Stiftung zum zweiten Mal die Lebensleistung eines Wissenschaftlers in der medizinischen Forschung. Der Preisträger Kern ist ehemaliger Präsident der
Philipps-Universität.
Der Psychologe Dr. Sören Krach erhält den Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreis für eine Arbeit, die den Zusammenhang von Fremdscham und dem Mitfühlen von Schmerzen aufklärt. Mit seinen Untersuchungen konnte Krach zeigen, dass Beobachter unangenehmer, peinlicher Situationen umso stärker mit eigenen Empfindungen - der sogenannten "Fremdscham" - reagierten, desto deutlicher ihre Fähigkeit zum Mitgefühl ausgeprägt war.
Dieser Zusammenhang zeigte sich durch Aktivierungsparameter in der funktionalen Magnet-Resonanzbildgebung in Hirnarealen, die normalerweise aktiviert sind, wenn Personen mit den Schmerzen anderer mitleiden. Dieses Gefühl stellte sich unabhängig davon ein, ob die beobachtete Person sich blamiert fühlte oder nicht. Der 34-jährige Psychologe, der seine Promotion mit "summa cum laude“ abgeschlossen hat, ist seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität.
Dr. Nico Lübbing wird mit dem Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreis für seine Arbeit zur Zöliakie geehrt. Dabei handelt es sich um eine chronische Erkrankung der Darmschleimhaut, die zu Verdauungsstörungen, eingeschränkter Nährstoffaufnahme und Entwicklungsstörungen führen kann.
Die Zöliakie entsteht durch eine Überempfindlichkeit gegen Bestandteile von Gluten, das in vielen Getreidesorten enthalten ist. Von der Erkrankung Betroffene müssen bisher lebenslang eine glutenfreie Diät halten.
Lübbing konnte zeigen, dass die Erkrankung bei genetisch veranlagten Kindern durch die Zugabe von Antikörpern gegen Gliadin - das auslösende Peptid im Getreide - sowie Gliadin möglicherweise verhindert werden kann. Seine wegweisenden Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass in der Muttermilch enthaltene Gliadin-Antikörper einen ähnlichen Effekt ausüben.
Darüber hinaus vermittelt Lübbings Arbeit, die mit "ausgezeichnet“ bewertet wurde, grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse zur Darmphysiologie. Seit 2011 ist der 27-jährige Wissenschaftler am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Gießen angestellt.
Dr. Aparna Renigunta erhält den Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreis für ihre biochemische Arbeit zu den molekularen Mechanismen des Salztransports in der Niere. Ihre international beachteten Forschungsergebnisse tragen zum grundlegenden Verständnis der Entstehung seltener angeborener Nierenerkrankungen bei.
Renigunta ist seit 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Marburg tätig. Die 33-jährige Humanbiologin wurde bereits mit verschiedenen Wissenschaftspreisen geehrt.
Für seine wegweisende interdisziplinäre Arbeit zwischen Medizin und Mathematik wird Dr. Sebastian Irle mit dem Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreis geehrt. Seine international beachtete Arbeit trägt zur Lösung für ein Problem klinischer Studien bei.
Das Design klinischer Studien besteht aus Fallzahl und Zwischenauswertungszeitpunkten. Es muss bereits zu Beginn festgelegt werden und kann im Fall von Fehlplanungen nachträglich ohne Anwendung spezieller statistischer Verfahren nicht mehr verändert werden.
Die bislang entwickelten Verfahren boten entweder eine große Flexibilität oder die Möglichkeit, Design-Änderungen sehr präzise vorzunehmen, nicht jedoch beide Vorzüge zugleich. In seiner mit "summa cum laude“ bewerteten Arbeit konnte der 28-Jährige Mathematiker eine statistische Methode zur Anpassung klinischer Studiendesigns entwickeln, die erstmals beides vereint: Große Flexibilität und große Präzision. Irle ist seit 2010 am Institut für Biometrie und Epidemiologie der Philipps-Universität angestellt.
Mit der Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille wird der Wissenschaftsmanager Kern für seine Lebensleistung in der Medizin geehrt. Kern habilitierte sich 1968 für Anatomie, Histologie und Embryologie in Heidelberg, wo er nach Forschungsaufenthalten in Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) 1972 Professor für Anatomie wurde.
1976 kam er nach Marburg und wurde Direktor des Instituts für Klinische Zytobiologie und Zytopathologie. Kern war Projektleiter von drei Marburger Sonderforschungsbereichen und von 1990 bis 1996 Sprecher des Graduiertenkollegs "Zell- und Tumorbiologie“.
Zweimal war er Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität. Von 2000 bis 2003 war er Präsident der Philipps-Universität.
Kern gehörte zahlreichen wissenschaftspolitischen Beratergremien an. Von 1986 bis 1991 war er Mitglied des deutschen Wissenschaftsrats und von 2003 bis 2009 Mitglied des österreichischen Wissenschaftsrats.
Für seine Leistungen und sein Engagement erhielt er 1970 den Ferdinand-Bertram-Preis der Deutschen Gesellschaft für Diabetesforschung. 1992 wurde er mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Seine Wiederwahl als Universitätspräsident scheiterte 2003 vor allem wegen seines Versuchs, das historische Siegel der Philipps-Universität durch ein umstrittenes und nichtsagendes modernes Logo zu ersetzen.
pm: Von-Behring-Röntgen-Stiftung
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