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Jiddische Weltschau


Stella & Ma Piroschka mit tollem Chansonabend

08.04.2012 (jnl)
Jiddische Musik ist keineswegs gleichbedeutend mit Klezmer. Das bewies eindrucksvoll der Auftritt des Hamburger Trios Stella & Ma Piroschka am Samstag (7. April) in der Waggonhalle vor rund vierzig Besuchern.
Die Vorstellung des neuen Albums "Nakhtike Muszik" - auf Hochdeutsch "Nächtliche Musik" - brachte einen veritablen Chansonabend in jiddischer Sprache. Vertont von Damian Maria Rabe, weckte das Trio expressionistische Lyrik der 2001 verstorbenen Dichterin Rajzel Zychlinski zu neuem Leben.
Warum "rockige Folksongs, poppige Balladen und verjazzte Chansons" angekündigt wurden, bleibt das Geheimnis von Ma Piroschka. Diese Beschreibung ist irreführendes PR-Geschwurbel, steht aber tatsächlich so im Wer Ankündigung der Musiker.
Geboten wurde ein ganz auf den Gesang und melancholische literarische Texte zentriertes Konzert, das gänzlich ohne Jazz, Pop oder gar Rockmusik auskam. Andreas Hecht auf der akustischen Konzertgitarre und Ralf Böcker an Akkordeon, Klarinette und Flügel begleiteten den Gesang.
Im Zentrum des Abends stand - bis auf zwei instrumentale Stücke - die Schauspielerin und Sängerin Stella Jürgensen. Mit großer Bühnenpräsenz und mächtiger Altstimme zelebrierte die Chansonette die Erlebniswelten des untergegangenen jiddischsprachigen "Stetl" Osteuropas.
Da tanzen auf einem Fest alte "Froijen" mit anderen alten Frauen, Kinder wieseln nachahmend dazwischen. Ein schmachtender Liebhaber sitzt da und wartet "auf deine kleine Hand", beschreibt Zylinski Erinnerungsbilder und Stella singt sie.
In der Upper Eastside Manhattans haben selbst die Haustiere der reichen Leute "bloije" Augen. Zylinskis Texte - soweit man sie versteht - zeigen Humor und kritischen Geist.
Ein wenig zu sparsam gab Stella als Hohepriesterin des Jiddischen Erläuterungen zu Liedinhalten und sinntragenden Vokabeln. Wegen der Nähe zum Deutschen verstand man zumeist grob, worum es ging. Bei den Details und Nuancen musste man aber oft passen.
Ma Piroschka als Band um Ralf Böcker gibt es seit 15 Jahren. In der aktuellen Besetzung mit dieser Sängerin tritt sie aber erst seit zwei Jahren auf.
Die beiden Instrumentalisten erwiesen sich als versiert, solange es nicht um Improvisation ging. Als Pianist war Böcker deutlich unrund. An diesem Abend lief er ein bisschen seiner Form hinterher.
Hecht spielte klangfarbenreich, klebte mit den Augen aber immer in den Notenblättern. Als die beiden ein Blues-Stück brachten, stimmte das musikalische "Feeling" nicht.
Mit Walzer- und Tango-Arrangements ging es deutlich besser, zumal die Aufmerksamkeit ohnehin bei der glänzend präsenten Sängerin lag. Als sie für zwei Lied-Vertonungen von Versen Else Lasker-Schülers auf Deutsch sang, klang ihre Stimme deutlich weicher und entspannter.
Jürgensen hat es sich zur Aufgabe gemacht, die fast untergegangene Sprache Jiddisch stärker in Deutschland zu etablieren. Ihre Interpretation ist kraftvoll.
Daher könnte es ihr gelingen. Denn sie tritt eben nicht nur in den Jüdischen Gemeinden auf.
Dem gutbürgerlichen, mittelalten Publikum dieses Waggonhallen-Abends gefiel das Programm ausgezeichnet. Mit herzhaftem Applaus erhielt man noch zwei Zugaben.
Jürgen Neitzel
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