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Verbesserungsbedarf


"So lonely" vom Grips Theater Berlin blieb ambivalent

23.03.2012 (jnl)
Tiefe Einblicke in die Erlebniswelt eines durch Scheidungseltern verdrängungs-traumatisierten 16-Jährigen bot "So lonely" vom Grips Theater Berlin am Donnerstag (22. März) auf der Hessischen Kinder-und Jugendtheater-Woche. Der von Michael Müller nach dem Jugendbuch von Per Nilsson geschriebene Bühnentext zeigte in Nahaufnahme einen zwanghaft schüchternen Jugendlichen im Auf und Nieder der ersten großen Liebe.
Die Inszenierung von Franziska Steiof verzichtete auf echte Wechsel der Perspektiven zwischen Junge und Mädchen. Wie bei Lars von Triers Film Dogville wurden Räume durch Tesakrepp-Markierungen auf den Bühnenmatten gekennzeichnet.
Konsequent nahmen die Zuschauer über 90 pausenlose Minuten die Welt aus den Augen des 16-jährigen Neurotikers wahr. Er erlebt Liebe auf den ersten Blick auf der Busfahrt zur Schule, doch seine Annäherung an sie erfolgt unglaublich zögerlich.
Nun hat er großes Glück, denn ihr gefällt er und sie ermöglicht mit kleinen Tricks das Zusammenkommen der beiden. Viel verständnisvoller und geduldiger als man im normalen Leben erwarten dürfte, tröstet sie ihn über alles mögliche hinweg.
Als er dann aber nach vier Wochen Schüleraustausch in den USA entdecken muss, dass er eben nicht der einzige Mann in ihrem Leben ist, bricht für ihn "natürlich" die Welt zusammen. Nun hasst er sie. Er denkt sogar an Suizid.
"Alles muss verschwinden!", brüllt der Junge. Gemeint ist alles, was ihn an sie erinnert. Aus jahrelanger Verdrängung kommt hervor, dass er als Sechsjähriger den Weggang seines Vaters von der Familie bis heute nicht verkraftet hat.
Schüchterne haben in der Realität, die nicht für sie gemacht scheint, wenig zu lachen. Es ist verdienstvoll, wie hier wirkungsvoll um Verständnis für sie bei den Nichtbetroffenen zu werben.
So lonely ist allerdings ganz und gar kein Theaterstück für Erwachsene. Zu bekannt und banal erscheinen alle Wendungen der erzählten Geschichte.
Für Heranwachsende sieht das - abgesehen von schon in jungem Alter Hartgesottenen - völlig anders aus. Von daher geht es voll in Ordnung, dass "So lonely" 2011 den Ikarus-Preis für die beste Berliner Jugendtheaterproduktion gewonnen hat.
Die beiden Schauspieler, Robert Neumann und Jennifer Breitrück, agierten feinfühlig und mit großer Präsenz. Durch den bewussten Verzicht auf aufwändiges Bühnenbild ist diese Produktion äußerst mobil. Das Publikum beim Hessischen "kuck! schau! spiel!" KUSS-Festival applaudierte heftig.
Jürgen Neitzel
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