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Kohlhaas heute


Agora-Theater begeisterte mit Kleist-Inszenierung

21.03.2012 (jnl)
Wie bringt man Heinrich von Kleists brisanten Klassiker über Michael Kohlhaas neu und aufregend an die Zeitgenossen? Dem Agora-Theater aus St. Vith in Belgien ist eben das beim "kuck! schau! spiel!" (KUSS)-Festival gelungen.
Mit einer Hinwendung zu den theatralischen Mitteln des Thespis-Karrens und Straßentheaters schafften die fünf Schauspieler eine Unmittelbarkeit, wie sie selten vorkommt. Man fühlte sich fast beim poetischen Realismus von Marcel Carnés "Kinder des Olymp" gelandet.
Die Kohlhaas-Geschichte handelt vom Aufstand des Bürgers gegen einen Staat, der seiner Bevölkerung keinen wirksamen Schutz vor Willkür und Gewalt gewährleistet. Wenn die empfundene Ungerechtigkeit zu groß wird, schließen sich Menschen gegen die Verkommenheit der Herrscher zusammen.
Kleist und seine Zeitgenossen hatten die vollzogene französische Revolution im Blick. Er ließ seine Novelle aber der Zensur wegen im 16. Jahrhundert spielen. Die Agora-Truppe konzentrierte sich auf die Entscheidungspunkte des Geschehens. So wurden die Klageschriften des Kohlhaas an die Landesfürsten kurzerhand von den Beamten höhnisch lachend durch einen Schredder gedreht. Besser lässt sich das ad absurdum geführte Gerichtswesen kaum verbildlichen.
Die Gewalt gegen seine Ehefrau wurde szenisch lediglich angedeutet, erst danach gesagt, dass sie getötet worden war. Erst von da an entschied sich der verzweifelte Kohlhaas zur Selbstjustiz. Das können sehr viele Menschen auch heute nachvollziehen.
Als die Aufständischen unter Kohlhaas den flüchtigen Junker Tronka jagen, präsentierte das Agora-Theater inszenatorisch eine Jahrmarkts-Wurfbude. Die Zuschauer bekamen Stoffbälle, um sich aktiv an der Jagd zu beteiligen. Ex-Präsident Wulff lässt grüßen?
Schon die sportliche Inszenierung der Tronkenburg-Brandschatzung als Baseball-Exzess war sehr heutig. Die interaktive Einbeziehung des Publikums mittels Wurfbude holte das Geschehen vollends in gefühlte Nähe zur Gegenwart.
Der vom Bonner Theater Marabu extra für diese Inszenierung geholte Regisseur Claus Overkamp sorgte für schnörkellose Prägnanz. Agora-Produktionen entstehen weitgehend in kollektiver Erarbeitung des Themas. Das Motiv der Krone, die reihum jeder Schauspieler aufsetzen darf, symbolisierte diese Besonderheit und kam diesmal genauso vor wie in der Produktion des Vorjahrs.
Die fünf exzellenten Schauspieler mimten ganz nach Bedarf reihum Kohlhaas, Tronka und Landesfürst ebenso wie eine fahrende Theatertruppe. Das Bühnenbild enthielt folgerichtig rechts einen Schminktisch, links einen Vorbau mit Musikinstrumenten und im Hintergrund eine bespielbare Zirkuszelt-Fassade. Des öfteren kamen Elemente des Schatten- und Puppenspiels zum Einsatz.
Die von Viola Streicher stammenden tollen Kostüme betonten die dunklen, gewaltbezogenen Seiten der Rollen. Die weißgeschminkten Gesichter mit den grauen Flecken und schwärzlich umrandeten Augen erinnerten an Untote.
Kennzeichnender für die Inszenierung aber blieb das über alle gezeigten Konflikte triumphierende Lachen und Musizieren der Akteure. Die Zuschauer frappierte erneut die große Vielfalt an Stilmitteln und Können, das die Besonderheit des Agora-Theaters ausmacht.
Stürmischer Applaus nach 75 spannenden, poetischen Minuten Aufführung zeigte, wie man sich im Publikum weitgehend einig war, einen Höhepunkt des diesjährigen Festivals erlebt zu haben.
Jürgen Neitzel
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