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In Blut gebadet


Die Nibelungen überzeugten durch moderne Texttreue

26.02.2012 (fjh)
Rund 1.000 Jahre alt ist die Sage um den Drachentöter Siegfried, seine heimtückische Ermordung durch Hagen von Tronje und die blutige Rache von Siegfrieds Witwe Kriemhild. Ende des 19. Jahrhunderts hat Friedrich Hebbel das Nibelungenlied zu einem Trauerspiel verarbeitet. Sein Drama "Die Nibelungen" feierte am Samstag (25. Februar) im Theater am Schwanhof Premiere.
Intendant Matthias Faltz hatte das Stück weitgehend texttreu inszeniert. Allerdings hatte er Hebbels ausführlichen Dreiteiler auf etwa 110 Minuten zusammengekürzt, was der Aufführung indes ausgesprochen guttat.
Zu Beginn erklang moderne Musik. Ein Gitarrist saß an einem Mischpult mit Verstärker und stimmte das Publikum in der "Blackbox" auf die dramatische Handlung ein.
Sechs Schauspieler betraten die Bühne. In verteilten Parts stellten sie einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der nordischen Saga "Edda", germanischen und nordischen Gottheiten sowie dem Nibelungenlied her.
Dann begann Hebbels gereimter Text mit Siegfrieds Ankunft am Hof des Königs Gunther von Burgund. Der ruhmreiche Drachentöter Siegfried wirbt um Gunthers Schwester Kriemhild. Gunther wiederum ist fest entschlossen, um die schöne Walküre Brunhild zu werben.
Alle raten ihm davon ab. Eine Bewerbung um die starke Frau bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Tod. Ist es schon überaus gefährlich, ihre Burg zu erreichen, so kann sich kaum jemand mit den übernatürlichen Kräften der stolzen Schönen messen und muss darum sterben.
Aus Liebe zu Kriemhild willigt Siegfried schließlich aber doch ein, Gunther bei seinem Kampf um Brunhilds Herz zu helfen. Durch seine Tarnkappe unsichtbar, wirft er für Gunther den Stein und besiegt so die starke Walküre.
Doch sie ergibt sich dem König der Burgunder erst, als er sie auch im Bett bezwungen hat. Auch dabei muss Siegfried ihm wieder helfen, was er nur widerwillig tut. So zieht der eine Betrug den anderen nach sich.
Aus Neid ersticht Hagen von Tronje den beinahe unbesiegbaren Siegfried. Dessen Ehefrau Kriemhild hatte ihm aus Sorge um ihren Mann die Stelle verraten, an der die Haut des Helden überhaupt von einem Schwert durchdrungen werden kann.
Von ihrem Bruder Gunther fordert Kriemhild die Verurteilung Hagens. Doch Gunther will seinem Getreuen nicht in den Rücken fallen. So sinnt die trauernde Witwe auf Rache für den Mord an ihrem geliebten Siegfried.
So ziehen Hass und Gewalt weitere Gewalttaten nach sich. Immer tiefer versinken die Beteiligten im Sumpf von Verrat und Mord. Immer auswegloser erscheint ihr Schicksal, das alle Protagonisten der tödlichen Rache ausliefert.
Diese archaische Erkenntnis hat die Inszenierung gut sichtbar gemacht. Das spärliche
Bühnenbild rückt die Handelnden und ihre Taten in den Vordergrund. Immer wieder tragen die Schauspieler in den kurzen Erzählpausen Schachteln über die Bühne, sodass sich die Mauer aus Pappkartons allmählich von rechts außen zum linken Bühnenrand verschiebt.
Ein Übriges zur nachvollziehbaren Veranschaulichung der mörderischen Eigendynamik trägt auch die Musik bei, die die Tragik des Geschehens akzentuiert und dabei zugleich doch jedes Pathos übertönt. Dennoch fließt immer wieder Blut über die Bühne, um die tödliche Handlung eindringlich vor die Augen der Zuschauenden zu führen.
Auch die Darsteller spielten hier größtenteils eine überzeugende Rolle. Charles Toulouse als hinterlistiger Hagen von Tronje oder Oliver Schulz als grundehrlicher Drachentöter Siegfried überzeugten ebenso wie Jürgen Helmut Keuchel als Hunnenkönig Etzel oder Franziska Knetsch als kräftige Walküre Brunhild. Lediglich Stefan Piskorz verkörperte den Burgunderkönig Gunther eher etwas zu blass.
Eine wirklich herausragende Leistung zeigte dagegen Annette Müller als Kriemhild. Wirkte sie zu Beginn noch schüchtern, etwas verhuscht und naiv, so spielte sie auch die tiefe Trauer um den Tod ihres Mannes und am Ende die rachsüchtige Hunnenkönigin absolut glaubwürdig. Auch wenn die Rolle ihr hier schon von vornherein viele Gestaltungsmöglichkeiten anbot, machte Müller daraus doch eine eindringliche und glaubwürdige Darstellung einer Entwicklung vom liebenden Mädchen hin zum knallharten Racheengel.
Letztlich ist Faltz mit seiner Inszenierung eine texttreue und zugleich doch zeitgemäße Aufarbeitung des Stoffs gelungen. Ohne den - mituntr leider allzu deutlich aufgestellten - Wink mit dem zeitgenössischen Betonpfeiler kamen dem Betrachter doch ganz von selbst erschreckende Gedanken an die Spirale der Gewalt im Irak oder Afghanistan sowie die verräterische Vorgeschichte des gerade erst erfolgten Rücktritts eines unredlichen Politikers in den Sinn.
Am Ende spendete das Publikum allen Beteiligten langanhaltenden Applaus. Er galt nicht nur den Schauspielern, sondern auch dem Regisseur und allen Mitwirkenden im Hintergrund, die Faltz zum Schluss mit auf die Bühne geholt hatte.
Franz-Josef Hanke
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