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Mäuse und Tiger


Sponeck sprach über die UNO

14.01.2012 (fjh)
"Wir haben eine Organisation geschaffen, in der die Mäuse kontrolliert werden, während die Tiger frei herumlaufen." Mit diesem Zitat eines mexikanischen UN-Delegierten beschrieb Hans-Christian Graf von Sponeck beim "Politischen Salon" die United Nations Organisation (UNO). Vor gut 60 Interessierten beantwortete der langjährige Mitarbeiter der Vereinten Nationen am Freitag (13. Januar) in der Volkshochschule die Frage "Was soll uns die UNO heute?".
Als Stellvertreter des UN-Generalsekretärs Kofi Annan war Sponeck im Jahr 2000 nach 32 Dienstjahren bei den Vereinten Nationen aus Protest gegen den Umgang mit dem Programm "Oil for Food" aus dem Dienst der Weltorganisation ausgeschieden. Vorher zeichnete er für diese Programm verantwortlich.
Mit statistischen Zahlen belegte Sponeck seine Kritik: Für den Verkauf von Erdöl erhielt der Irak nach den Regeln dieses Programms gerade einmal 51 Cent pro Kopf für die Versorgung seiner Bevölkerung. Dabei waren 60 Prozent der Menschen im Irak zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts auf diese Gelder angewiesen.
Als eine größere Zahl von Krankenwagen von Jordanien aus in den Irak geliefert werden sollte, stoppten die Rüstungskontrolleure der UNO ihre Einfuhr mit dem Argument, diese Fahrzeuge seien mit Funkgeräten ausgestattet. Erst nachdem diese Geräte ausgebaut waren, ließen sie die Rettungswagen ins Land hinein.
Als ein UN-Mitarbeiter selbst dringend auf einen Krankentransport angewiesen war, weigerten sich die Rüstungskontrolleure zunächst, ihren eigenen Rettungswagen bereitzustellen. Als er nach heftigen Protesten schließlich doch noch vorfuhr, habe man den Grund für diese Weigerung erkennen können, berichtete Sponeck: Das Fahrzeug sei nicht nur mit Funk ausgestattet gewesen, sondern geradezu gespickt mit Abhör- und Spionagetechnik.
Mit Zustimmung des Generalsekretärs hatte Sponeck regelmäßig Berichte über Luftangriffe veröffentlicht. Die UN-Delegierten der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Großbritanniens bezichtigten ihn daraufhin der Verbreitung irakischer Propaganda.
Der Diplomat unterschied zwischen der "leisen Uno" als Charakterisierung der alltäglichen Arbeit und der "lauten Uno", die durch die Vertreter der Mitgliedsstaaten des Weltsicherheitsrats repräsentiert werde. Insbesondere dessen ständige Mitglieder nutzten die UNO ohne Skrupel für ihre eigenmächtigen Zwecke aus.
An einer weiteren Statistik führte Sponeck diese Problematik eindringlich vor: Während die USA jedes Jahr rund 400 Millionen US-Dollar an die Weltorganisation und ihre Unterorganisationen abführen, haben sie allein für den Krieg im Irak jedes Jahr 144 Milliarden Dollar aufgewendet. Im Vergleich zu ihren Rüstungsausgaben sei der Etat von 2,4 Milliarden Dollar für das UN-Generalsekretariat und ungefähr 26 Milliarden für sämtliche UN-Organisationen zusammengenommen lächerlich gering.
Nach Berechnungen der UN-Millenniumsziele reichen rund 25 Milliarden Dollar aus, um den Hunger weltweit zu halbieren. Diese Zahlenverhältnisse belegen für Sponeck die Unredlichkeit vieler Reden über eine angeblich humanitäre Politik der jeweiligen Staaten.
"Die UNO ist nicht dazu da, die Welt besser zu machen, sondern um zu verhindern, dass sie noch schlimmer wird." Dieses Zitat führte Sponeck an, um seine Überzeugung für eine Notwendigkeit der Vereinten Nationen zu begründen.
In sehr vielen Bereichen leiste die Weltorganisation nützliche Dienste bei der Versorgung von Menschen, der Vernetzung von Technik und Dienstleistungen oder der internationalen Abstimmung politischer Aktivitäten. Gerade im humanitären Bereich werde diese Arbeit jedoch immer öfter durch parallel eingerichtete Konkurrenzorganisationen oder die Bereitstellung projektgebundener Gelder unterlaufen.
Dennoch sieht Sponeck dauerhaft keine sinnvolle Alternative zur UNO. Notwendig sei allerdings die strikte Einhaltung der UN-Charta und die Verpflichtung aller Mitwirkenden zur öffentlichen Berichterstattung über ihre Tätigkeit.
Die 32 Jahre bei der UNO seien eine wunderbare Zeit gewesen, resümierte der Diplomat. Nach wie vor bildet er junge Menschen für den Dienst in der internationalen Organisation aus.
"Wenn ich diese jungen Leute sehe, bin ich sehr hoffnungsvoll", erklärte Sponeck. Seine Sympathie für die Multinationalität der Arbeit in den Vereinten Nationen erklärte er ebenfalls mit einem Zitat: "Die UNO ist der einzige Ort der Welt, wo es keine Ausländer gibt."
Franz-Josef Hanke
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