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Kurz und prägnant


Erster "Pecha Kucha" in Marburg veranstaltet

25.05.2008 (jnl)
Etwas Neuartiges haben Absolventen der Marburger Ethnologie in die Universitätsstadt mitgebracht. Der Förderverein für "Völkerkunde in Marburg" hatte für Samstag (24. Mai) in den Spiegelsaal der Waggonhalle zur ersten "Pecha Kucha-Night" in Marburg eingeladen.
Die in Japan entstandene Vortragstechnik hat sich schnell international verbreitet. Ihr Name spricht sich "petscha-kutscha".
Die Methode dient der Entschlackung moderner Konferenzen. Durch klar konturierte, rigide Vorgaben wird das Halten von langatmigen Vorträgen ausgeschlossen.
Pünktlich ab 20.20 Uhr nach "Pecha Kucha"-Tradition präsentierten sechs Teilnehmer vermittels 20 Digital-Fotos eigene Themen und Projekte. Für jedes Bild waren genau 20 Sekunden Zeit, bevor es zum nächsten weiterging.
In sechs Minuten und 40 Sekunden musste jeder Teilnehmer sein Thema vorgebracht haben. Danach war jeweils kurz Gelegenheit, Fragen an die Vortragenden zu stellen.
Drei der Kurzvorträge waren Reise-Schilderungen. Einer war ein Bericht über ein Arbeitsprojekt. Die letzten beiden Kurzreferate waren freie Bearbeitungen zu einem selbstgewählten Thema.
Im ersten Vortrag ging es um Begegnungen im Osten der Türkei. Mit ihrem Partner war Maike Sondermann drei Monate lang auf dem Motorrad in den kurdischen Grenzprovinzen unterwegs. Sprachkenntnisse brachten sie mit. Da sie sich erfolgreich als Muslims ausgaben, wurden sie in Ruhe gelassen.
Ihre Fotos zeigten in herkömmlicher touristischer Manier Erinnerungsporträts der vielfältigen Bekanntschaften. Spannend waren eher die Erläuterungen als die Bilder. Da erfuhr man vom Leben als Benzin-Schmuggler und von Familien als sommerliche Dauer-Camper "mit allem Komfort" wie auf deutschen Campingplätzen auch.
Ähnlich prosaisch waren die Foto-Qualität und die Reiseberichte aus Korea und vom Trecking in Nepal. Man merkte den Vorträgen an, dass sie nicht original konzipiert, sondern nachträglich zusammengestellt worden waren. Eher über die verbalen Anmerkungen erfuhren die Zuhörer, dass die Vortragenden immerhin ausnahmslos sehr wache Beobachter fremder Verhältnisse gewesen waren.
Als überaus instruktiv erwies sich die bebilderte Schilderung eines Projekt-Praktikums. Die Studentin Andrea Herbert hatte für ihre Arbeitsgruppe an einer US-Universität in Arizona eine Evaluations-Studie erstellen dürfen.
Gegenstand der Untersuchung war der Test von Öko-Klos in einer grenznahen mexikanischen Armensiedlung. Für die Wellblechhütten-Bewohner gab es weder fließendes Wasser, noch Fäkalien-Entsorgung. In Selbsthilfe gruben sich die Familien Loch-Latrinen in die Erde. Häufig bei Regenfällen liefen diese Latrinen dann über und verteilten den Kot überallhin.Gegen diese Gesundheitsgefährdungen sollten Öko-Klos eine ebenso brauchbare wie bezahlbare Alternative setzen.
Die Test-Resultate zeigten, dass die von den US-"Gringos" gespendeten geruchslosen Klo-Häuschen überwiegend gut funktionierten und angenommen wurden. 2008 sollen deswegen 50 neue Öko-Klos installiert werden.
Der Student Christian Klotz hatte einen essayistischen Ansatz gewählt. Sein Thema war Schönheitsstreben und Körperkult in Gegenwart und Vergangenheit. Tätowierungen und Narben-Zeichnungen hatten bei vielen historischen Völkern kultische Bedeutung. Im zeitgenössischen "Zeitalter des Spektakels" feiere und fordere man Erfolg und Sex als zentrale Werte.
Als abschließender Höhepunkt trat der emeritierte Doyen des Marburger Instituts Prof. Dr. Mark Münzel an. Sein Foto-Essay befasste sich mit Masken aus den Geisterkulten indigener Stammeskulturen Amazoniens. Die in den Museums-Sammlungen in Lissabon, München und Marburg aufbewahrten Geister-Masken haben sich häufig als langlebiger erwiesen als die eigenständigen Kulturen ihrer Erschaffer.
Die aus Rindenbast hergestellten - oft ebenso ästhetischen wie mehrpoligen - Masken waren ursprünglich nur für drei- bis viermaligen Gebrauch bei Umzügen und Tänzen bestimmt. Dann wurden sie weggeworfen oder an die Forscher gegeben.
Münzel wies verschmitzt darauf hin, dass sie eine unverhofft humane Funktion erfüllten. Durch den vertrauten Umgang mit den Geister-Masken verloren die Angehörigen und vor allem der Nachwuchs der Stämme gewöhnlich die unkontrollierte Angst vor den "Geistern". Gerade auch die ursprünglichsten Kulturen haben also unvermutete humanistische Dimensionen.
Nach der Leistungsschau des Fachlichen ging man zum geselligen Teil eines Samstagabends über. Die Veranstalter kündigten an, schon bald wieder eine solche Übung in "kritischer Medienkompetenz" ins Auge zu fassen.
Jürgen Neitzel
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