29.11.2011 (jnl)
Die Abkehr vom Disney-Kitsch beim Weihnachts-Kinderstück hat dem
Hessischen Landestheater Marburg gutgetan. Die Aufführung von Erich Kästners "Emil und die Detektive" am Dienstag (29. November) in der beinah ausverkauften Stadthalle wusste die Kinder und die erwachsenen Begleiter gleichermaßen zu begeistern.
Die frisch herausgekommene Inszenierung gehört zum Besten, was in der Ära des derzeitigen Intendanten Matthias Faltz entwickelt wurde. Die - auch bislang schon durch hohes Niveau glänzende - Kinder- und Jugendtheatersparte hat sich diesmal selbst übertroffen.
In einer aktionsreichen Inszenierung mit opulenten Bildern und Tanzeinlagen wurde der Kinderbuch-Klassiker als kindgerechtes Abenteuer aufbereitet. Mit überspringender Begeisterung mimten die Schauspieler die Kinderbande und ihre Erwachsenen-Umwelt als Gruppen-Erlebnis. Dass ab und zu ein Darsteller den Off-Erzähler gab, störte dabei kein bisschen.
Das Ganze hatte schon auch sehr phantasievolle Züge, wenn etwa Nadelspuren in den Geldscheinen als Diebstahls-Beweise herhalten mussten oder Lampenschirme als Deckung. Aber das junge Publikum interessierte sich ohnehin weitaus mehr für die Dynamik der Handlung, die Lustigkeit der Rollen und die Körpersprache der Darsteller.
Ausgerechnet die Großmutter (Nesrin Adloff) bekam für ihre witzige Interpretation der Rolle Szenenapplaus von den Kleinen. Auch Agnieszka Habraschka als Pony Hütchen auf Rollschuhen kam - hörbar am gesteigerten Lärmpegel – sehr gut bei den Kindern an.
Alle neun Schauspieler – vier aus dem Marburger Ensemble und fünf als Gastdarsteller – zeigten eine tolle Leistung auf der Bühne. Zeitweilig liefen sie auf Verfolgungsjagd auch durch die Sitzreihen, was den meisten Kindern prima gefiel.
Der von den beiden Leiterinnen Annette Müller und Oda Zuschneid gemeinsam geführten Regie ist ein großer Wurf gelungen. Handelte es sich um ein selbst entwickeltes Gegenwartsstück, würde man es in einem Atemzug mit dem Berliner Grips-Theater nennen.
Besonders schöne Regie- und Ausstattungs-Einfälle waren das rollende Telefonbüro und das Extra-Lob für den "kleinen Dienstag". Da fühlten sich all die "Kleinen" im Publikum mitangesprochen.
Die Choreografie in der Ankunftsszene am Bahnhof Zoo war grandios. Die Beteiligten schritten, stolperten, sprangen oder tänzelten um den verwirrten Emil (Moritz Fleiter) herum, dass es eine Freude war. Man fühlte sich nahezu in eine Broadway-Musical-Produktion versetzt, so gekonnt kam das zu Jazz- und Swing-Klängen.
Das von Marcel Franken und Oliver Kostecka gestaltete Bühnenbild, das die Möglichkeiten des Schnürbodens weidlich nutzte, war einfach eine Wucht. Der Etagenaufbau mit den Bögen verwandelte sich bruchlos vom Bahnhofsplatz zur Cafe-Terrasse und wieder zum Zugabteil – mit von hinten projeziertem Reisefenster-Ausblick. Damit könnten die Macher auch in nationalen Wettbewerben Auszeichnungen einheimsen.
Die Kinder aus rund fünfundzwanzig Schulklassen hielt es kaum auf den Sesseln, so gingen sie bei der spannenden Handlung und den tänzerischen Einlagen mit. Die begeisterten Zugabe-Rufe aus hunderten kleiner Kehlen zeugten von Hingabe für die gesehene Abenteuer-Geschichte.
Mit dieser Inszenierung der Sonderklasse wird das Hessische Landestheater noch viel Freude haben. Denn zweifellos wird dieser Knüller viel Publikumszuspruch und Mundpropaganda generieren. Es ist durchaus zu erwarten, dass manche Leute – auch Erwachsene - zweimal in dieses Stück hineingehen, einfach weil die Inszenierung ihnen so überaus gut gefallen hat.
Jürgen Neitzel
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