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Zwei Welten, ein Vortrag


Flasch sprach über Philosophie und Religion

28.10.2011 (mal)
"Wir stehen am Übergang zur postsäkularen Gesellschaft“, erklärte der Philosophiehistoriker Prof. Dr. Kurt Flasch am Donnerstag (27. Oktober). "Aber ein bisschen säkular wird sie ja noch sein dürfen“, fügte er dann mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.
Von Philosophie und Religion im heutigen Deutschland handelte sein Vortrag im Rahmen der Christian-Wolff-Vorlesung. Durchgeführt wurde er in der Aula der Alten Universität.
Die - sich deutlich an Friedrich Nietzsche anlehnende - dezidiert christentumskritische Sicht der intellektuellen Entwicklungen in der europäischen Philosophie fasste Flasch in seinem Vortrag zusammen. So stehe er metaphysischen und religiösen Konzepten sehr skeptisch gegenüber und halte sie für reine Spekulation.
Seit der Vorlesung in Regensburg durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006 überschwemme ein Tsunami an Religionsschriften die Philosophie. Philosophen hätten daher die Pflicht, diese Schriften zu klären und zu analysieren.
Religionspositionen greifen in das erfüllte Leben ein. Sie beeinflussen Debatten über Ehescheidungen im Alltag und Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland. Sie haben endlose Abtreibungsdebatten provoziert und die Strafen für Homosexuelle begründet. In diese öffentlichen Dispute spielen philosophische Ansprüche hinein.
Die Wiedervereinigung habe Deutschland ein Heer an Atheisten beschert. Die Kirchenskandale der letzten Zeit haben die Zahl der Austritte noch vermehrt.
Dennoch werde eine Renaissance der Religion behauptet. Vor allem liege das an religionstreibenden Problemen, die noch immer ungelöst dastehen.
Krankheiten, Erdbeben, Kriege und Wirtschaftskrisen haben den Glauben an den Fortschritt gemindert. Das führe zu einer erneuten Hinwendung zu religiösen Grundsätzen.
Diese Entwicklung werde sehr häufig mit Phänomenen der internationalen Szene begründet. Eine Rückwendung zur Religion richte sich jedoch gegen alle Ergebnisse der Aufklärung.
Auch kritisierte Flasch die Lehre des Papstes von der Vernunft des Christentums und der Rückbesinnung zu christlichen Wurzeln. Sie sei einseitig, übergehe wichtige Gegenimpulse und entspreche der Neuscholastik aus den 50er Jahren.
Die heutige Philosophie habe sich indes stark verändert. Das Vernunftkonzept sei weicher, mythenfreundlicher und weniger monolithisch geworden.
Die philosophischen Religionsdebatten der letzten Jahrzehnte zeigten kein einheitliches Bild und brächten kein allgemein anerkanntes Resultat. Extrem konservative, postmoderne, metaphysische und postmetaphysische Ansichten stehen sich gegenüber. Die neue Einteilung in postmodern und premodern verwirre nur und sei von argumentloser Leere. Allenfalls Machtansprüche und Selbstüberschätzung seien zu erkennen.
Eine philosophische Substanz könne er in aktuellen Publikationen nicht erkennen. Die Wege von Philosophie und Theologie laufen nach Flaschs Beobachtung auseinander.
Aus guten lebenspraktischen und theoretischen Gründen könne die Philosophie sich dem Religionsphänomen zuwenden, verschwimme aber meistens in Toleranzgerede. Aus Mangel an philosophischen Takt, Präzision und Quellenkenntnissen verfehle sie sehr häufig die Diskussion.
Rückblickend betrachtet, war das Thema der Veranstaltung zu hoch gegriffen. Flasch sprach mehr von Philosophie als von Religion.
Tatsächlich referierte er über die theoretischen Kontroversen, die sich Theologen und Philosophen derzeit liefern. Dabei offenbarte er ein sehr einfach gestricktes Verständnis von Religion in Europa.
Zum einen ging aus seiner Argumentation hervor, dass er Religiösität nur an statistischen Erhebungen festmacht. So konnte er mit - mehr als veralteten - Mitgliedszahlen zu unbenannten und nicht näher differenzierten Kirchen aufwarten. Dass sich Religiösität oder gegebenenfalls auch Spiritualität aus unterschiedlichen Gründen statistisch nur sehr schwer bis gar nicht erfassen lässt und auch nicht an eine direkte konfessionelle Mitgliedschaft gebunden sein muss, hat Flasch nicht berücksichtigt.
Zum anderen existieren für ihn wohl nur europäische Christen und muslimische Emigranten. Die restliche Bevölkerung besteht für ihn wohl aus Atheisten und Freigeistern.
Auf den religiösen Pluralismus in Deutschland wollte er nicht eingehen. Das neben den genannten Denkrichtungen auch noch andere Weltreligionen, Neue Religionen und Esoterik-Gruppen die europäische Kultur prägen, dazu bezog er keine Stellung.
Dass der institutionelle Charakter heutzutage in den Hintergrund rückt und es für viele Menschen wichtiger ist, nach der eigenen individuellen Spiritualität innerhalb loser Netzwerke zu suchen, hat er ebenfalls nicht in Betracht gezogen. Was das für die Zukunft bedeuten mag, darüber kann man nur philosophieren.
Martin Ludwig
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