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Bahn angeprangert


Mobile Ausstellung erinnert an deportierte Kinder

20.05.2008 (jnl)
Die alten Schrecken des Holocaust klopfen gelegentlich an Marburgs Türen. In diesem Fall geschah es in Gestalt einer Dampflokomotive mit einem Ausstellungs-Zug, der am Dienstag (20. Mai) auf dem Gleis 1a des Marburger Hauptbahnhofs Erinnerungskultur bot.
Für genau einen Tag von 9 bis 19 Uhr hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) den spektakulären "Zug der Erinnerung" in die Universitätsstadt holen können. Mehr war angesichts der 3.500 Euro, die die Deutsche Bahn AG (DBAG) dafür an Strecken- und Standgebühren berechnete, nicht drin.
Ziel der mobilen Ausstellung in drei Eisenbahnwaggons war es, über die Beteiligung von Reichsbahnern an den Deportationen in die Vernichtungslager aufzuklären. Jüdische Kinder wurden von ihren Familien getrennt und direkt in den Tod geschickt. Eine der stärksten Abteilungen der Ausstellung verdeutlichte, dass nahezu kein am NS-Mordprogramm beteiligter Bahn-Verantwortlicher gerichtlich dafür angemessen gestraft wurde.
Bittere Ironie sah ein Besucher darin, dass die DBAG wiederum soviel Widerstreben gegen die Aufklärung aufgebracht hat. Erst nach zwei Jahren zähen Verhandelns hatte das Projekt im November 2007 gestartet werden können.
Auf seiner Fahrt zum Bahnhof Ausschwitz machte der Eisenbahnzug Station in zahlreichen größeren Städten überall in Deutschland. In die Mittelstadt Marburg kam er erst auf dem Rückweg.
Der mittelhessische DGB-Vorsitzende Ernst Richter persönlich betreute mit einem kleinen Team den Aktionstag vor Ort. Bei der Eröffnung der Ausstellung beklagte er zuvorderst den enormen Zeitdruck, unter dem alles hatte organisiert werden müssen. Erst kurz vor dem 1. Mai war das Angebot bei ihm eingegangen. Nach der definitiven Zusage am Freitag (16. Mai) blieben nur vier Tage, um sämtliche Details zu klären.
Bei diesem Holterdipolter war nicht einmal klar vermittelt worden, dass es extra Platz für die Herstellung regionaler Bezüge gab. Gabriele Schmitt vom Geschichtsverein "Landsynagoge Roth" war zum Glück zuvor beim Halt in Siegen auf den Sachverhalt gestoßen. Daher konnte sie eine Schautafel mit neun verschleppten jüdischen Kindern aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf einbringen. Von der sonst in Marburg sehr verdienstvoll tätigen Geschichtswerkstatt fand sich mit Gaby Küppers dagegen nur ein Mitglied der "Arbeitsgruppe Stolpersteine" am Morgen auf dem Hauptbahnhof ein.
Belohnt wurde die Initiative des DGB durch das große Interesse der Besucher. Vierzehn Gruppen - von Schulklassen bis Konfirmanden - hatten sich angemeldet. Ein Ablaufplan sorgte dafür, dass der Ansturm etwas entzerrt wurde.
Viele Einzelpersonen und Gruppen kamen allerdings spontan. Daher knubbelten sich die Besucher in den Waggons gelegenlich doch stauähnlich.
Am meisten bei den zahlreichen jugendlichen Besuchern kam beobachtbar die kurze Filmsequenz an. In einer stetig wiederholten Schleife verkündete ein alter Reichsbahner, er habe damals nichts Genaueres gewusst. "Treblinka, Majdanek und wie sie alle hießen - für uns waren das ja nur Konzentrationslager, Ziel, weiter nichts."
Dazu stampften und fauchten die alten Dampfloks als Geräuschkulisse. Und eine Frau hörte man sagen: "wir waren drei Tage unterwegs im Viehwaggon. Wir hatten nur das Eine im Kopf: irgendwie überleben!"
Auf zahlreichen Tafeln waren die kindlichen Opfer und die Geschichten von Überlebenden dokumentiert. Trotz der grausamen Systematik der Nazis hatten einige wenige erfolgreich fliehen können oder den Tag der Befreiung durch die Alliierten in den KZs überlebt.
Ein halbes Dutzend Ausstellungsbetreuer, die zum Projektverein gehörten, beantwortete den Besuchern Fragen. Dieses Zugbegleit-Team brachte Erfahrungshintergrund ein.
Anne Bergholt zum Beispiel war zuvor ehrenamtlich an den Gedenkstätten Ravensbrück und Göttingen-Mohrungen tätig. Sie beschrieb die Arbeit im Zug als "eine sehr anstrengende Arbeit. Man muss 12 Stunden sehr präsent sein."
Richter lobte die unbürokratisch schnell gewährte finanzielle Unterstützung durch die Stadt Marburg und den Landkreis. Er schätzte, dass während der zwölf Stunden Station in Marburg an die 1.000 Personen das Angebot wahrnehmen werden.
Jürgen Neitzel
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