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Bauen mit Folgen


Kraft stellte Architektursprache von Moscheen vor

06.10.2011 (mal)
"Seit 14 Jahren findet der Tag der offenen Moschee am Tag der Deutschen Einheit statt“, erklärte Dr. Sabine Kraft am Mittwoch (5. Oktober) freudig. "Am Anfang ist kaum Interesse vorhanden gewesen. Inzwischen hat der Besuch von Moscheen sehr stark zugenommen.“
Von der Architektursprache verschiedener Moscheebauten und der daraus resultierenden Identität religiöser Gemeinschaften handelte ihr Vortrag im Rahmen der Reihe "Religion am Mittwoch“. Durchgeführt wurde er im Fachbereich Religionswissenschaft der Philipps-Universität.
Die Veranstaltung begann mit einer thematischen Führung durch die Religionskundliche Sammlung. Einige Skizzen und Modelle von Sakralbauten aus unterschiedlichen Religionen wurden dabei vorgestellt. Damit einher ging eine kurze Einführung in die Raumaufteilung und Nutzung entsprechender Einrichtungen.
Nach dem Rundgang stellte die Marburger Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Edith Franke die Referentin vor. Kraft ist Architektin und Kunsthistorikerin.
Sie hat in Kassel Architektur studiert. Nach ihrem Diplom absolvierte sie ein Studium der Kunstgeschichte mit den Nebenfächern Psychologie sowie Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg.
Zwei Jahre hielt sie sich anschließend in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) auf. Am Massachustts Institute for Technology (MIT) in Boston entwickelte sie ihre Dissertation über Moscheebauten.
Derzeit ist sie als Kunsterzieherin an einem privaten Gymnasium in Marburg tätig. Daneben arbeitet sie als Beratende Architektin am Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg.
Die Anwesenden ließ sie an den Erkenntnissen Ihrer Forschungsarbeit teilhaben. Das Interesse der Öffentlichkeit wachse; immer mehr Menschen beschäftigen sich heute mit dem Islam.
Moscheen seien ein "Kristallisationskeim“ hinsichtlich einer Beschäftigung mit dieser Religion. In ihrer wörtlichen Bedeutung sei die Moschee ein Ort der Niederwerfung.
Das islamische Gebetsritual mit einer Abfolge von Verbeugen und Niederknien finde dort statt. Dabei seien die Gläubigen dicht an dicht in Reihen hintereinander positioniert.
Daraus resultiere ein rechteckiger Grundriss, da runde Räumlichkeiten für das Beten in Reihen als ungünstig angesehen werden. Die Gebetsrichtung gen Mekka gebe die Gebetsnische an.
Sie sei der markanteste Ort in einer Moschee und müsse bei der Konstruktion berücksichtigt werden. Der Moschee-Innenraum komme – im Gegensatz zu Kirchenräumlichkeiten – ohne Bänke und Stühle aus.
Gebetet werde auf einem Teppichboden. Rechts von der Gebetsnische stehe die - oft kunstvoll gefertigte - Kanzel. Eine Vorrichtung für die rituelle Waschung sei auch ein sehr wichtiger Einrichtungsgegenstand. Muslime unterziehen sich dieser Prozedur jeweils vor jedem Gebet. Schuhe werden beim Betreten einer Moschee ausgezogen und in das neben der Tür stehende Regal gestellt.
Die obligatorische Wand- oder Standuhr zeige die Gebetszeiten an. Es existieren separate Gebetsräume für Männer und Frauen.
All das müsse der Architekt wissen. Bei dem Bau einer Moschee gehöre es zum Raumprogramm.
Kraft begründete im Laufe ihres Vortrages auch ihr Unbehagen darüber, Moscheen als bloße Sakralbauten zu bezeichnen. Kunsthistoriker unterscheiden Sakralarchitektur von Profanarchitektur. Profane Bauten stehen im Gegensatz zu religiösen Einrichtungen.
Bei letzteren spielen Rituale und Kultgegenstände oftmals eine entscheidende Rolle. Schulen und Banken etwa seien eher weltliche Bauten. Kirchen hingegen werden als reine sakrale Einrichtungen betrachtet. Moscheen jedoch haben unterschiedliche Größen und Funktionen. Kleine Moscheen mit Gebetsräumen lassen sich als sakrale Einrichtungen klassifizieren. Große Moscheen können allerdings beides sein.
Für große Zusammenkünfte und Feiertagszeremonien werden diese sogenannten Freitagsmoscheen besonders genutzt. Neben sakralen Gebetsräumen besitzen diese Moscheen auch profane Bereiche.
Hierzu gehören beispielsweise Seminarräume, Jugendräume, Restaurants, Ladengeschäfte und Erholungsräume für den Imam. Die große Zentralmoschee in Köln sei ein entsprechender Multifunktionskomplex.
Für die Umsetzung von architektonischen Feinheiten bei Moscheebauten gab Kraft sehr detaillierte Beispiele. Außerdem verwies sie auf historische Gegebenheiten.
Seit den 60er Jahren kamen viele Arbeitsemigranten aus der Türkei nach Deutschland. Die meisten hatten Rückkehrabsichten.
Inzwischen habe sich das jedoch grundlegend gewandelt. Der Wille zum Bleiben sei weit verbreitet.
Die ursprüngliche Vorstellung von der Rückkehr in die alte Heimat sei für viele nicht mehr relevant. Damit einher gehe das Bedürfnis, repräsentative Moscheen zu bauen und aus den "Hinterhofmoscheen“ herauszukommen.
In den Anfangsjahren hatten islamische Gemeinden in Deutschland ungenutzte Wohnhäuser und Ladeneinrichtungen in Gebetsräume umgewandelt. Seit Anfang der 90er Jahre sei allerdings das Bedürfnis vorhanden, schöne neue Moscheen zu bauen.
Die Architektur von Moscheen lasse sich in drei Kategorien einteilen. Der traditionelle Stil sei die erste Kategorie. Identität und Nostalgie sei für viele der Grund für diesen Baustil.
Dabei werden viele unterschiedliche traditionelle Bauelemente aus der Heimat aufgenommen. Oftmals geschehe das jedoch sehr unreflektiert, ohne die lokalen Bedingungen zu berücksichtigen. Sehr häufig seien Bauschäden und kontextlose Ornamente das Resultat.
Die Imam-Ali-Moschee an der Hamburger Außenalster sei ein typisches Beispiel für diese Kategorie. Sie sei eine der ältesten Moscheen in Deutschland und existiere seit 1953.
Das bläuliche Gebäude orientiere sich am persischen Stil. Die Moschee verfüge über ein Doppelminarett, eine Kuppel und ein großes Portal. Kleine Fensterschlitze spenden indirektes Licht und stellen somit keine Ablenkung dar.
Handgefertigte Kacheln seien aus Persien importiert und in Hamburg eingesetzt worden. Aufgrund der regionalen klimatischen Bedingungen seien die Kacheln nun aber schwer beschädigt.
Die zweite Kategorie sei weder allzu traditionell noch andersartig innovativ. Viel mehr handle es sich um eine Synthese aus traditionellen islamischen und modernen europäischen Elementen mit unterschiedlichen Resultaten.
Die Bilal-Moschee in Aachen sei ein solches Resultat. Sie gelte als zweitälteste Moschee Deutschlands. Erbaut wurde sie Mitte der 60er Jahre auf dem Gelände der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH).
Die dreigeschossige Moschee mit Kuppel und Minarett sei eine sogenannte "Feldlagermoschee“. Das Minarett sei nachträglich errichtet worden. Charakteristisch sei auch die Verstärkung mit einer sehr dicken Mauer aus modernem Sichtbeton.
Im Inneren des Gebäudes stehen fünf Säulen aufgereiht. Die fünf islamischen Pflichten – Glaubensbekenntnis, Freitagsgebet, Fasten im Ramadan, Sozialabgabe und Pilgerfahrt nach Mekka – werden auf diese Weise metaphorisch angedeutet.
Darin sieht Kraft eine perfekte Synthese aus arabischen und europäischen Motiven. Auf diese Weise wurden in den 90er Jahren viele Moscheen gebaut. Exemplarisch hierfür sei die Fatih-Moschee in Pforzheim. Das Gebäude wurde als "Kuppelmoschee“ mit 23 Meter hohem Minarett konstruiert. Auch eine stark überdimensionierte Kuppel sei vorhanden.
Sehr viel Sicht- und Stahlbeton seien als Bausubstanz verwendet worden. Der Gebetssaal fasse 750 Personen. Auf die Frauenempore passten 150 Besucherinnen.
Auf schockierende und groteske Innovationen setze die dritte Kategorie. Die Bauten seien oftmals so anders, dass sie nicht als Moschee erkannt werden. Man klebe nicht mehr an Symbolen und Zeichen wie Minarett oder Kuppel, um moderne Gebäude zu konstruieren, versuche aber trotzdem noch der Universalität des Islam gerecht zu werden.
Eine der modernsten Moscheen Deutschlands sei in der oberbayerischen Gemeinde Penzberg zu finden. Sie wurde 2005 errichtet und besitze Mehrzweckräume und eine Bibliothek. Auf den ersten Blick lasse sich das kubische Gebäude mit Glasfassade nicht als sakrales Bauwerk identifizieren.
Eine Kuppel fehle gänzlich und man verzichte auf historisierende Ornamente. Auch das Minarett habe eine eher künstlerische Funktion.
Der Gebetsruf erschalle nicht durch einen Muezzin, sondern sei als Kalligrafie in die 13 Meter hohe Turmkonstruktion eingearbeitet. Durch die Verglasung der Seitenwände werde eine Transparenz von Außen nach Innen und von Innen nach Außen erreicht.
Vor den Seitenwänden an Lamellen befinden sich Bögen aus Sichtbeton, die mit einem sternförmigen Muster verziert sind. Diese Konstruktion solle den Betenden einen geschützten Rahmen bieten. Die Architektursprache dieser Moschee werde derzeit als einzigartig angesehen, stoße allerdings sowohl unter der muslimischen als auch unter der nicht-muslimischen Bevölkerung auf breite Akzeptanz.
Kraft gelangte zu der Schlussfolgerung, dass sich die Moscheen der ersten Generation noch sehr stark an einem traditionellen und nostalgischen Baustil orientieren. Ab der zweiten Generation werde eine Synthese aus traditionellen islamischen und modernen europäischen Bauelementen angestrebt. Nur dieser Fortschritt in der Architektursprache mache Innovationen – wie die Penzberger Moschee – überhaupt erst möglich.
Martin Ludwig
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