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Volles Theater voraus


"Die Fliegen" feierte Premiere im Theater am Schwanhof

19.05.2008 (atn)
"Les Mouches“ oder auf deutsch "Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre hat am Sonntag (18. Mai) Premiere im Theater am Schwanhof gefeiert. Dank der herausragenden Leistungen der Schauspieler und der anspruchsvollen Inszenierung von Ekkehard Dennewitz erwachte an diesem Abend nicht nur ein Stück Antike zum Leben, sondern auch der geniale Geist Sartres.
"Die Fliegen“ greift den uralten Atridenm-Mthos auf und erzählt die Geschichte der griechischen Stadt Argos, auf der der Fluch vieler Morde und Untaten lastet. Zu Beginn der Aufführung wurden die Zuschauer ganz automatisch zu Bürgern dieser Stadt, da die Sitze in Form einer Arena angeordnet waren. Innerhalb von 90 Minuten lief dann vor den Augen Aller ein dramatischer Kampf zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, dem Frei-Sein und dem Gebunden-Sein, dem Glück und der Verzweiflung, dem Hass und der Liebe ab.
Den Geist Sartres erkannte man in "Die Fliegen“ nur allzu deutlich in Orest wieder, der von Florian Federl gespielt wurde. Orest ist der Sohn der in Argos herrschenden Königin Klytämnestra, die ihren Mann Agamemnon auf dem Gewissen hat. Sie regiert die Stadt gemeinsam mit dem König Ägist mit eiserner Hand und gönnt auch ihrer ungeliebten Tochter Elektra kein besseres Leben als das einer Dienstmagd.
Elektra, dargestellt von Franziska Endres, ist provokativ, widerspenstig und von Hass gegen ihre Mutter und ihre Heimatstadt fast bis zum Wahnsinn erfüllt. Ebenso verachtet sie den Gott Jupiter, dem die gesamte Stadt angsterfüllt opfert, da er Argos seit dem Tod Agamemnons mit Fliegen plagt.
Die Fliegen sind mit den Jahren fett und allgegenwärtig geworden. Sehr real hingen sie dann auch in schillernden Farben während des gesamten Stücks von der Decke des Theatersaals.
Jupiter, dargestellt von Jochen Nötzelmann, ist eigentlich ein bedauernswerter Gott, da er auf endlose Tauschgeschäfte mit den Menschen und heikle Täuschungsversuche angewiesen ist, um seine Existenz unter den Menschen zu sichern. Seine dennoch sehr mächtige Erscheinung war mit Nötzelmann, dessen Haut in dem Stück majestätisch golden schimmerte, perfekt verkörpert.
Federl spielte als einziger in Alltagskleidung. Zu Beginn der Vorstellung blieb er deswegen auch von den zeitweiligen Bürgern von Argos, die um ihn herum in den Rängen saßen, unerkannt. Auch seine Schwester Elektra erkannte ihn erst, nachdem er sein erst so sanftes und liebenswertes Wesen abgelegt hatte.
Das Geschwisterpaar wurde mit Federl und Endres sehr greifbar. Erstaunlich an der schauspielerischen Leistung der beiden war vor allem ihre Wandlungsfähigkeit und die Fähigkeit, innerhalb weniger Augenblicke ein ganz anderes Wesen zu verkörpern.
Doch auch Jürgen Helmut Keuchel als König Ägist lieferte eine beeindruckende Vorstellung ab. Er musste in die Rolle desjenigen schlüpfen, der als gehasster König die Wurzel allen Übels zu sein schien, selbst jedoch unter dem gnadenlosen Joch Jupiters leidet und schließlich von Orest getötet wird. Keuchel spielte seine Rolle aber derart natürlich und überzeugend, dass die Theater-Umgebung für den Zuschauer komplett in den Hintergrund treten konnte und die Tragödie in Argos für eine Weile zur Realität wurde.
Für Lacher in dem Mord-Drama sorgten die Erinnyen und Wachen in Gestalt von Nicolas Deutscher, Ulrike Knobloch und Bastian Michael. Sie waren sowohl die Diener des Königs, als auch kindliche und chaotische Clown-Figuren, die so etwas wie den noch unverdorbenen Menschen darstellten. Gleichzeitig verkörperten sie die Stimmen des Volkes und später die schwindende Macht Jupiters, die Elektra zur Reue und damit zum Unterwerfen überreden wollen.
Dennewitz und sein Team haben mit dieser Inszenierung und der Übersetzung von Traugott König mehreres geschafft: Nicht nur der Geist Sartres ist lebendig geworden. Auch die Geschichte, die erzählt wurde, hat sich ihren eigenen mitreißenden Rahmen geschaffen. Die Rollen waren dabei optimal besetzt und haben allesamt nichts an Überzeugungskraft und Ausstrahlung zu wünschen übrig gelassen. Was schließlich mit "Die Fliegen“ auch gelungen ist – nicht zuletzt durch die bewusste Anordnung der Stühle – ist das Überspringen eines Funkens von einem 65 Jahre alten Theaterstück zu einem Publikum, das sich heute mit ähnlichen Problemen identifizieren kann, wie sie Federl, Endres, Eisold und ihre Kollegen so meisterhaft beackert haben.
Anika Trebbin
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