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Realsatiren a la Carte


Trampert und Ebermann im KFZ

17.05.2008 (jnl)
Viele Medienberichte verdienen eine satirische Aufbereitung. Um das Publikum mit neuen Realsatiren zu beliefern, trat das Duo Thomas Ebermann und Rainer Trampert am Freitag (16. Mai) im Kulturladen kfz an. Das aktuelle Programm der beiden ehemaligen Grünen-Politiker läuft unter demTitel "Bitteres Vergnügen" . Leiden die beiden Nordlichter daran, dass sie seit etlichen Jahren Kommentatoren und nicht mehr Akteure des politischen Geschehens sind? Nein, das sei nicht der Fall, sagen sie selbst.
"Galgenhumor nennt man das wohl, was auch beim Publikum vergnügte Bitterheit oder bitteres Vergnügen bewirkt", lautet ihre Erläuterung. Ist das "sich Ergötzen" an der eigenen Zuschauerrolle und Ohnmacht also neuerdings "des Pudels Kern"?
Die beiden Hamburger stiegen ein mit einer Satire unter der Rubrik "Wissenschaft leicht gemacht". Unter dem Vorwand, den "neuesten Stand der modernen Gehirnforschung“ vorzustellen, geißelten sie Titelgeschichten aus "Focus" und "Der Spiegel". Laut Prof. Dr. Wolf Singer sei ja nun festgestellt, dass jedermann von Neuronen gesteuert sei, für die er selber nichts könne. War das also, fragten Trampert und Ebermann zurecht, auch bei den Nazi-Tätern schon so?
Mit sichtlicher Freude am Kolportieren und Zusammenrühren wurde der Skandal um die klammheimlich aus den Stammheim-Toten beiseite geschafften Hirne noch dazugegeben. Ulrike Meinhof habe demnach an Hirn-Anomalien gelitten, machten sich die beiden Satiriker lustig über moderne Wahrsager.
Die knapp sechzig Leute im Publikum reagierten nicht besonders begeistert über diesen Potpourri-Eintopf. In Hannover sei das anders gewesen, sinnierte Trampert in der Pause. Vielleicht ist Marburg ja doch zu ausgeprägt Universitätsstadt, um jede Polemik für bare Münze zu nehmen.
Mehr Glück hatten er und Ebermann mit einem atemberaubenden Verwirr-Stück aus unverständlich aufgeblasener "Wissenschaftsprosa". Des Rätsels Lösung war im besten Sinne des Wortes zum Lachen. Sprachlich unendlich aufgebauscht, ging es in dieser Realsatire um die Unverzichtbarkeit von Parkhäusern.
Statt des spannenden Themas "Hypotheken-Krise" brachten die beiden Hamburger das Skandälchen um den Berliner Chefdirigenten Ingo Metzmacher und den Nazi-Komponisten Hans Pfitzner. Das Thema schien indes niemanden so richtig zu interessieren. Das war ein weiterer Fehlgriff.
Doch das machten sie wieder gut mit einer mit viel Beifall aufgenommenen fetzigen Nummer über ihren alten "Lieblingsfeind" Joschka Fischer. Der stöhnte zum Steinerweichen, dass er schon immer unter seiner Hochbegabung gelitten habe, dass er "sooo müde" sei und dass Gerhard Schröder eine Niete ist. In seinem "29. Buch" seien im übrigen nur drei Seiten über Politik und ansonsten Befindlichkeitsprosa, spotteten seine Ex-Parteifreunde.
Es folgten weitere muntere Hau-drauf-Attacken auf verdiente "Plagegeister" wie den Reinkarnations-Esoteriker Detlef Thorwaldsen sowie die Jugend-Idole Eminem und Bushido. Die beiden Rapper verkündeten ihren Hass auf Frauen und Schwule und kassierten damit viel Geld.
Eine allzu neutralistisch ausgefallene Reportage im Zeit-Magazin über Sammel-Abschiebungen brachte Trampert in Hochform. Die feiste Selbstdarstellung der Akteure der Ausländerbehörden bekam von ihm reichlich "Fett weg" aufgrund ihrer Menschenverachtung.
In der Rubrik "Erkenne dich selbst und tu was für dich" begründeten beide, dass sie sich demnächst der "Digitalen Boheme" anschließen wollen. Denn wer Web-Software schreibe, dem ständen alle Quellen des Sponsoring, Product Placement und Event-Marketing offen.
Die beiden Hamburger wechselten innerhalb ihrer Lese-Satiren routiniert und flüssig zwischen Original-Zitaten und satirischem Kommentar mit fliegenden Übergaben. Es fiel auf, dass überraschenderweise der fünf Jahre ältere Trampert sportlich fitter wirkte und die ausdruckstärkere Stimme einbrachte.
Bedauerlicherweise sorgte der Aufbau des massiven Lesepults in der Bühnenmitte für großen Abstand zum Publikum. Bei einem bescheideneren Tisch ganz vorne an der Bühne wäre es wie bei der ungleich erfolgreicheren Lesung mit Wiglaf Droste vielleicht besser gelaufen.
Die früher volleren Zuschauer-Reihen und die eher verhaltene Stimmung bei dieser Veranstaltung zeigten, dass Ebermann und Trampert mit ihrem Konzept nicht mehr so richtig ankommen. Sie müssen sich Neues einfallen lassen. Vielleicht wäre ein freier Vortrag im Stehen mit freiem Blickkontakt zum Publikum, so wie es die meisten erfolgreichen Kabarettisten machen, eine sinnvolle Herausforderung.
Jürgen Neitzel
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