19.06.2011 (jnl)
Experimentelles Theater kann wirklich spannend sein. Der aus dem Institut für angewandte Theaterwissenschaft der
Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hervorgegangene junge Regisseur Christian Grammel hat für das
Hessische Landestheater Marburg mit einer 15-köpfigen Amateur-Gruppe einen abwechslungsreichen Abenteuer-Parcours quer durch die Oberstadt gestaltet.
Am Samstag (18. Juni) war die Generalprobe dieses Theater-Projekts "Bürger auf Zeit" (BaZ). Die regulären Veranstaltungs-Termine liegen jeweils nachmittags von Freitag (24. Juni) bis Sonntag (26. Juni).
Los ging es bei der Stadthalle an der Biegenstraße, wo sich eine kleine Explorer-Gruppe aus sieben Menschen zusammengefunden hatte. Jeder Teilnehmende erhielt eine Flohmarkt-LP als Ausweis. Dieses 31 mal 31 Zentimeter große Format signalisierte unübersehbar die Zugehörigkeit zur Gruppe.
Auf der ersten Station - an der Einmündung der "Engen Gasse" in den Pilgrimstein - wurde man prompt daran erkannt. Hier übernahmen zwei BaZ-Aktivisten die Führung, die sich auf Theater-Sport verstanden. Das war angemessen, denn diese längste Stiege Marburgs heißt im Volksmund auch "Asthma-Treppe".
Jemand hatte in eine Bruchsteinmauer Worte eines Prosa-Gedichts gemeisselt. Eine junge BaZ-Frau improvisierte zu jedem Wort ein ganzes Feld möglicher Assoziationen und zeigte so eine vergnügliche Übung verbaler Fitness.
Der vieldeutige Satz lautete übrigens: "In dem stumpf schwindenden Licht konnte ich kaum noch erkennen, wo der Himmel anfing." Das kann man ganz nach Gusto entweder als Aussage eines Wanderers oder als Geschichtsphilosophie der Theaterkunst deuten.
Im oberen Teil der Treppe boten zwei Aktivisten an, nach Art der "drei Feenwünsche" an ausgewählten Stellen 2- bis 3 mal eine Einlage in Improvisations-Theater zu geben. Das erwies sich in der Ausführung als so kurzweilig, dass die meisten Teilnehmer die Mühsal des Treppensteigens darüber "vergaßen".
Bei der nächsten Station betrat man am oberen Ende des Schloßsteigs den Willy-Sarge-Platz durch eine frei im offenen Raum stehende Türe. Drei BaZ-Aktivisten zogen Theater-Fundus-Jackets über und begannen, individuelle Runden um den Glaskubus der mittelalterlichen Mikwe zu drehen.
Dabei murmelte einer Worte von Erwin Piscator. Die beiden Anderen zitierten Hannah Arendt sowie Inschriften von "Stolpersteinen".
Dieser Abschnitt zog sich ein wenig, da die dafür vorbereiteten Texte sehr lang waren. Bei den Zuschauern bemerkte man, dass nur wenige Anknüpfungspunkte fanden und man sich auf die Betrachtung des Geschehens aus sicherer Entfernung beschränkte.
Dabei war ein Mitlaufen mit den Schauspielern durchaus möglich und vorgesehen. In Deutschland braucht es dafür aber eine laute Aufforderung.
Zur nächsten Etappe wurde die Gruppe abgeholt, um über die untere Ritterstraße schließlich auf dem Lutherischen Kirchhof zu landen. Zu diversen Gebäuden links und rechts des Wegs trug die Führerin Geschichten vor, welche Prominenten dort ehemals gewohnt hätten.
Da die Biografien real waren, aber die Namen falsch, wurde damit die kritische Wahrnehmung der Teilnehmer herausgefordert. Seltsamerweise sprach jedoch niemand vernehmlich Zweifel aus, ob das denn wahr sein könne.
Dabei war schon aus dem Fehlen entsprechender Informationstafeln an den Häusern ersichtlich, dass da etwas nicht stimmte. Dieser Abschnitt wirkte dann auch eher ein wenig verwirrend als aufklärerisch.
An der Mauer des Lutherischen Kirchhofs, von wo man einen schönen Ausblick über die Stadt hat, gab es dann noch Resultate einer Passantenbefragung. Die Stimmen aus dem Ghettoblaster erläuterten ihre persönlichen Eindrücke über Marburg.
Was sehen sie, wenn sie aus dem Fenster schauen? Was fiel ihnen spontan zu Marburg ein, das bleibenden Eindruck machte?
Auf die nächste Etappe - hinunter in die Fachwerk-Oberstadt - begab sich die Gruppe ohne Führer. Der Pfad war mit bunten Kreidezeichen markiert. Mit viel Mühen und Ideen waren längs des Wegs Sprüche und Dekorationen gestaltet.
Bewohner eines Hauses am Rübenstein hatten auf Bitten der Projekt-Mitarbeiter sogar "ihren" Satz innen am Fenster befestigt. Er lautete: "Die große Geste trägt leicht den Inhalt davon."
Ein Baum war mit anregenden Stichworten vollgehängt. Eine Treppe war intelligent beschriftet.
Als fünften Teil des Parcours bekam die Gruppe den Auftrag, einer "Schatzkarte" zu folgen, die aus lauter Fotografien von kleinen Besonderheiten in den engen Gassen der Oberstadt bestand. Den Glasbläser-Kunsthandwerker, der da vorkam, kannte von den Teilnehmern zuvor nur einer.
Mit einem spiegelnden Internet-Tablet wurden die Teilnehmer auf die sechste Etappe vorbereitet. Von einem "Verfolgt Werden" war dabei die Rede. Tatsächlich begegneten der Gruppe an der Gassenmündung zum Hirschberg zwei Frauen, die atemlos hintereinander her die Steigung hinauf liefen. Oben - an der Rückseite des Rathauses - begann die verfolgte Verfolgerin, kunstvoll einen Text von Franz Kafka vorzutragen. Inhaltlich handelte er vom "Verfolgen" in der Stadt und was man dabei erwarten könnte.
Durch die Schiffergasse gelangten die Teilnehmer schließlich auf den historischen Schuhmarkt. Dort saß in einer Säulennische des "Kilian" ein freundlicher Mann im Ostfriesennerz und hielt seine Angelrute in die Luft.
Er sei ein Fischer, stellte der BaZ-Aktivist sich vor. Dann fragte er, ob denn jemand aus der Gruppe Latein könne.
Alle verneinten, denn sie hatten lieber lebende Fremdsprachen gelernt. Wie schade, meinte der Fischer, denn sein Name auf Latein sei der eines wohlbekannten Marburgers auf Zeit, nach dem die Stadthalle Erwin-Piscator-Haus (EPH) heißt.
Diese vorletzte Etappe enthielt ein paar Anekdoten über jenen berühmtesten Theatermann Marburgs. Daneben gab das "Trockenangeln" ein hübsches Bild so ähnlich wie Friedrich Nietzsches Mensch, der am hellichten Tage mit einer entzündeten Laterne auf den Marktplatz geht. Der Angler - samt seinem Sohn im Grundschulalter - begleitete die Gruppe dann über die Reitgasse zum Projekt-Endpunkt, einem zwischengenutzten Laden an der Marktgasse.
Dort bekam man eine Auflösung der rätselhaften Biografien aus der Rittergassen-Etappe angeboten. In einer Vitrine standen Fotos von Ina Seidel bis Ulrike Meinhof als Beispiele prominent gewordener "Bürger auf Zeit" in Marburg.
Mit einer größeren Kollektion von Mp3-Abspielgeräten konnte man sich noch einmal Stimmen mit Eindrücken von Marburgern auf "Lebens-Zwischenstation" zu Gemüte führen. Auch wurde man zu einem Feedback ermuntert.
Statt der anvisierten 45 Minuten hatte der experimentelle Stadtspaziergang rund 60 Minuten beansprucht. Das Resultat des Projekts war für die Teilnehmer indes sehr anregend und kurzweilig. Daher störte das kaum.
Die Amateur-Theateraktivisten verwirklichten ein Füllhorn an Ideen, die abwechslungsreich waren und Spaß machten. Nur die ständig mitgeschleppten LP-Ausweise erwiesen sich am Ende als lästig und schwer zu tragen. Ein Glück war auch, dass niemand auf das Angebot einging, einen dieser Grusel-Musikträger auf dem musealen Plattenspieler im Projektladen tatsächlich aufzulegen.
Schade war es, dass - zumindest bei dieser Generalprobe - niemand auf die Idee gekommen war, die angebliche "historische Entdeckung des Jahres" einzubauen. Erst 2011 sei laut - vom
marburgnews-Redaktionsleiter Franz-Josef Hanke aufgrund eigener früherer Veröffentlichungen im "Marburger Rundblick" zurückgewiesener - Angaben der Journalistin Gesa Coordes im
Marburger Magazin "Express" bekannt geworden, dass 1946 der Nazi-Verbrecher Klaus Barbie unbehelligt ein ganzes Jahr lang mitten in der Oberstadt gewohnt hatte. Wie schön ist daher, dass Marburg schon seit vielen Jahrzehnten keine Hochburg des Nazismus mehr ist.
Jürgen Neitzel
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