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Ameisen Report


Scharpff brachte Arbeitswelt ins G-Werk

29.05.2011 (jnl)
Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus? Mit derart brisanten Fragen befasst sich der "ameisen report" der Theatergruppe "Scharpff und Team".
Bei der Marburger Premiere am Donnerstag (26. Mai) im G-Werk erlebte man 80 Minuten luftiges Diskurs-Theater. Die eigentliche Erstaufführung des Stücks von Heike Scharpff hatte bereits zwei Wochen zuvor im Mouson-Turm in Frankfurt stattgefunden.
In zwei Durchläufen testete der "Versuchsaufbau" aus dem Theaterlabor, wie Erwerbstätige unterschiedlicher Einkommensklassen mit rasanten ökonomischen Veränderungen zurechtkämen. Die Bandbreite ging vom Fabrikanten mit 12.000 im Monat bis zur Krankenschwester mit 1400 Euro netto per Monat.
In Form von Ereigniskarten wurden in kurzer Folge teils gravierende Regeländerungen eingeführt. Eine kurzfristig eingeführte Verdopplung des Rentenversicherungsbeitrags etwa löste das abrupte berufliche "Aus" für eine der Beteiligten aus. Eine Vervielfachung des Wasserpreises aufgrund einer - fiktiv - eingetretenen Katastrophe hatte noch verheerendere Folgen.
Unter der zur Mitte des Stücks eingeführten Prämisse, dass es nun ein bedingungsloses Grundeinkommen (bGE) gebe, konnten die Menschen viel entspannter reagieren. Die gleichen Szenarien des Planspiels hatten - wenig überraschend - auf einmal nicht mehr diese zerstörerischen Auswirkungen.
Es ist sicher verdienstvoll, dass von Seiten der Kunstaktiven die gesellschaftliche Diskussion über neuartige Arbeitsmodelle wie das bGE erneut angeschoben wird. Das leistet Scharpffs "ameisen report" gewiss. Neue, aufregende Antworten aber suchte man im Stück vergeblich.
Die verwandten theatralischen Mittel waren angemessen. Drei Schauspiel-Profis und zwei "Mitwirkende aus dem echten Leben" simulierten Arbeitswelt und gaben verbal Statements über ihre ökonomische Lage.
Interaktionen fanden nur sparsam statt. Hauptsächlich geschah das, wenn eine Ereigniskarte dazu zwang.
Die mitwirkende Friseurmeisterin ohne eigenen Laden und der kurdische Reinigungsunternehmer standen wohl für Nähe zur Realität. Tatsächlich aber sah man nicht viel mehr von ihnen als Putzlappen Schwingen und Frisieraktionen.
Auf den Einfall, den "Putzmann" des Mousonturms auf die Bühne zu bringen, ist die Regisseurin stolz. "Er ist ein Naturtalent", sagte Scharpff.
Der kurdische Einwanderer erzählte seine Lebensgeschichte. Er berichtete, wie aus einem Medizin- stattdessen ein Maschinenbaustudium wurde und schließlich ein Arbeitskraft-Kleinunternehmer des Reinigungsgewerbes. Klar wird dabei die Auswirkung der bundesdeutschen Migrationspolitik: Man holte Arbeitnehmer, und es kamen Menschen.
Wenig überzeugte die theatralische Umsetzung der Ereigniskarte, die bestimmte: "Die Mutter des Unternehmers wird zum Pflegefall". Statt auf dieses unaufschiebbare familiäre Geschehen mit glaubwürdigen Lösungsversuchen zu reagieren, taktierte der Darsteller, als wenn es nur ein Papier-Fall sei, der ihn nicht wirklich anginge.
Bei einem Stück, in dem es um Ethik und intelligente soziale Lösungen geht, kann man nicht derart luschig mit Verhaltensmustern umgehen. Von Theater-Profis hätte man mehr Durcharbeitung erwartet.
Dass der Schauspieler Philipp Sebastian durchaus mehr drauf hatte, zeigte er in einem Intermezzo in "Ameisen-Look". Sein Solo-Laokoon hatte Witz und befriedigte die Schaulust. Von solchen Momenten hätte man sich in den 80 Minuten viel mehr gewünscht.
Wirklich gelungen war allerdings die musikalische Konzeption. Die Elektoniker Augst & Daemgen steuerten passgenaue Geräusch-Spannungsbögen zum Bühnengeschehen bei.
Als Fazit bleibt zu sagen, dass "ameisen report" wohl zu den bisher schwächsten Produktionen von Scharpff gehört. Die rund 30 Zuschauer der Premiere spendeten freundlichen, verhaltenen Beifall.
Jürgen Neitzel
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