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Lustlos diskutiert


Kai Degenhardt zum Tod der Musikindustrie

17.05.2011 (fjh)
"Am Nordpol kann man keine Kühlschränke verkaufen." Mit dieser bildhaften Formel beschrieb Kai Degenhardt am Montag (16. Mai) im G-Werk die Situation der Musikindustrie angesichts der Tauschmöglichkeiten im Internet.
Unter dem Titel "Der Tod steht ihr gut" sprach der Hamburger Liedermacher "Zum Ende der Musikindustrie, wie wir sie kennen". Eingeladen hatte ihn der Rosa-Luxemburg-Club Marburg (RLC).
Ausführlich beschrieb der Referent zunächst die Geschichte der Musikindustrie, die durch immer neue technische Veränderungen geprägt wurde. Waren die Tonträger in manchen Zeiten nur Dreingaben zu teuren Abspielgeräten, so gewannen sie in anderen Phasen eigenes Gewicht und mitunter sogar nahezu revolutionäre Bedeutung. Immer sei jedoch nur das angeboten worden, was sich auch verkaufen ließ, stellte Degenhardt klar.
Mit dem Aufkommen des Internet und dem Audio-Format MP3 sind Tonaufnahmen nun so leicht überspielbar geworden, dass ihr Verkauf nur noch geringe Erträge erzielen kann. Deswegen sind Tourneen und Konzerte für Musikinterpreten seither wirtschaftlich wichtiger geworden als die Gewinne aus dem Verkauf ihrer Einspielungen.
Da die Labels für die Aufnahmen neuer Interpreten deshalb auch kaum mehr Werbung betreiben, sei die Vorherrschaft der Vermarktungsmaschinerien von Großkonzernen gebrochen worden. Daraus zog Degenhardt den Schluss, dass sich nun auch für nichtkommerzielle Aufnahmen gerade auch linker Künstler mehr Verbreitungsmöglichkeiten ergeben könnten.
Kulturzentren und Konzertveranstalter forderte er auf, gezielt nach linken Künstlern Ausschau zu halten und sie "zu fairen Gagen" zu engagieren. Davon erhoffte er sich anscheinend eine weitere Verbreitung emanzipatorischer Musik.
War Degenhardts ausgearbeitetes Manuskript – vor allem in seinem geschichtlichen Rückblick – noch weitgehend interessant, so mangelte es dem Referenten bei der Diskussion über die aktuelle Situation und mögliche strategische Rückschlüsse daraus offenkundig an Überzeugungskraft. Degenhardt wirkte ratlos, lustlos und wenig veränderungswillig. Auf eine Äußerung aus dem Publikum, dass man heutzutage am Computer durchaus hochwertige Musik produzieren, nicht aber gewinnträchtig verbreiten könne, zuckte er nur mit den Achseln.
Hatte er bei der Anti-Atom-Demonstration am Montag (24. April) in Biblis als Sänger und auch als Texter durchaus noch überzeugt, so wirkte Degenhardt drei Wochen später als Referent im G-Werk beinahe hilflos. Eine lebendige Diskussion mit dem – ohnehin nur spärlich erschienenen - Publikum brachte er jedenfalls nicht zustande.
Franz-Josef Hanke
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