30.03.2011 (jnl)
Im Kern ist es ein Stück über Beleidigung, Rachedurst und den Triumpf der List. So jedenfalls deutete die am Dienstag (29. März) im
Hessischen Landestheater Marburg gezeigte Inszenierung des Fringe Ensembles Bonn William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".
Mit nur drei Profi-Schauspielern, die in fliegendem Wechsel mehr als ein Dutzend Rollen übernahmen, stemmte Regisseur Severin von Hoensbroech den Klassiker. Die Hauptrolle des Shylock ließ er von vier muslimischen jungen Männern gemeinsam verkörpern.
Eine Sonderrolle spielte als Shylocks Tochter Jessica und als Richter sowie mit tollen Breakdance-Einlagen die 18-jährige Kunstturnerin Jilou Rasul. Alle fünf jungen Muslime, von denen zwei noch zum Gymnasium gehen, sind unübersehbar Amateure. Aber in der Hiphop-Jugendkultur haben sie sich bereits Anerkennung erworben.
Aus dem jüdischen Getto macht diese Inszenierung kurzerhand ein muslimisches. Die Bewohner, als deren herausragender Kopf der reiche Shylock gilt, leiden unter gesellschaftlicher Missachtung.
Der bei Shylock um Kredit für seinen Freund Bassanio nachsuchende Antonio hatte viel Anteil an diesen Schmähungen. Der Kaufmann nannte den Muslim öffentlich einen "Hund", bespuckte dessen "Nikes" und half seiner Tochter Jessica, mit einem Christen durchzubrennen. All das wurde auch ausgespielt.
Durch bemerkenswerte schauspielerische Mittel und ihre temporeiche Wandlungsfähigkeit fiel Tina Seydel auf. Jilou Rasul mimte am Vertikaltuch artistisch sehenswert - beinah wie in einer Varieté-Show - die Herausforderungen dieser Flucht aus der elterlichen Sittenstrenge.
Großen Wert legte die Inszenierung auf Brechung der Spannung zwischen den beiden feindseligen konfessionellen Lagern durch komödiantische Episoden. Besonders Leopold Altenburg spielte als Diener wie als Portia voll sein Talent für Komik aus.
Ganz unzimperlich bezog er die Zuschauer in seine - nach Grazer "Schmäh" duftenden - Granteleien ein. Als Antonio gab er überzeugend einen lebensmüden Melancholiker.
Für eine hohe Dynamik sorgte David Fischer als Bassanio oder Lorenzo. Sein - wie ein Kampfhund agierender - Brautwerber und sein berserkerhaftes Wüten, als es um das Leben des Freundes ging, beeindruckten nicht nur athletisch, sondern auch durch bewegliche Mimik.
Demgegenüber schlurften die vier Shylock-Darsteller körpersprachlich bemerkenswert luschig über die Bühne, wenn sie nicht gerade als Rapper, Breakdancer oder in Dialogszenen aktiv waren.
Ihren Text, den sie alternierend einwarfen, hatten sie ganz gut drauf. Auch untermalten sie häufig Szenen akustisch mit gekonntem "Beatboxen". Der im Programmzettel abgedruckte Shylock-Rap fasste ihr zentrales Anliegen - Respekt statt Missachtung - gut zusammen.
In diesem Kernanliegen der Hiphop-Jugendkultur - und nur dort - berührten sich das Shakespeare-Drama und die migrantische, muslimische Jugend. Spürbar war leider auch in diesem Stück eher die gewollte Abgrenzung der Muslime als eine Integration. Dabei wäre das nicht in die Christen-Religion, sondern in einen aufgeklärten Islam, also etwas gesellschaftlich Neues.
"Aber ich bin Moslem und pass nicht in eure Kisten", sang S-Dog leidenschaftlich. Es klang ziemlich definitiv.
Auch Shakespeares Drama selbst ist nicht so harmlos, wie man fälschlich annimmt. Es droht in der Gerichtsszene den reichen Juden mit Vernichtung ihrer Existenz und Einziehung ihres Besitzes, wenn sie sich nicht klaglos fügen. Geschrieben für den Zeitgeist des 17. Jahrhunderts, ist "Der Kaufmann von Venedig" bei genauem Hinsehen ein antijüdisches und prochristliches Stück.
Nun muss man es nicht so interpretieren. Und das Fringe Ensemble deutete es bei aller Textreue auch entsprechend eher gegenwartsbezogen. Schließlich triumphiert in der Schlussszene gewissermaßen die List über die finstere Rache.
Das ist eine humanistische Deutung, die sich vom Feststecken im Religiös-Ideologischen und Gewaltgeneigten freimacht. So hätte man es gerne. Aber ist das die gelebte Realität vieler Menschen?
In Erinnerung bleiben werden von dieser Inszenierung der wagemutige Ansatz, migrantische Amateure intensiv einzubeziehen, deren selbst auf der Bühne sonderbar bedrohliches kollektives Auftreten und tolle Hiphop-Einlagen. Richtig positiv war zudem die hohe Dynamik und Komik.
Jürgen Neitzel
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