13.03.2011 (fjh)
"Salami" ist der Name einer altbekannten italienischen Eselswurst. Als "Salami-Taktik" bezeichnet man indes eine altbekannte - weltweit verbreitete - Strategie, unangenehme Wahrheiten nur scheibchenweise zuzugeben.
Regierungen und die Betreiber von Atomkraftwerken tischen dem Volk häufig diese dünnen Delikatessen auf. Seit dem desaströsen Erdbeben am Freitag (11. März) mit anschließendem Tsunami und der darauffolgenden Nuklearkatastrophe in Japan verteilen die Verantwortlichen zur Beschwichtigung der besorgten Bevölkerung einmal mehr derartige dünne Drops.
Sicherlich war das Beben der Stärke 9,0 auf der Richter-Skala in dieser Heftigkeit nicht genau so vorhersehbar. Doch wusste man schon lange, dass für den Großraum Tokyo mit einem überaus heftigen Beben zu rechnen war. Schließlich ist der "Pazifische Feuerring" eine der seismisch aktivsten Regionen der Erde.
Dem starken Beben folgte kaum eine Stunde später ein ebenso heftiger Tsunami. Zehn Meter hohe Wellen rollten bis zu zehn Kilometer weit ins Landesinnere hinein.
Die doppelte Heimsuchung der japanischen Inseln erzeugte dann eine dritte – vermutlich noch schlimmere – Bedrohung. Denn dieser Naturkatastrophe hielten auch die - vorher als erdbebensicher gepriesenen - Atomkraftwerke offenbar nicht stand.
Zunächst nur in drei Reaktoren kam es zu schwerwiegenden Problemen. Die vorausgeplanten Szenarien griffen nicht mehr.
Die daraufhin ergriffenen Notmaßnahmen wurden der Öffentlichkeit allerdings ebenso wenig bekanntgegeben wie die Gründe für ihr Scheitern. Stattdessen verabreichten der AKW-Betreiber TEPCO und die japanische Regieerung den Medien geschmacklose Beruhigungspillen.
Erst auf Nachfrage räumte der japanische Regierungssprecher ein, dass in zwei Reaktorblöcken im Atomkraftwerk Fukushima eine Kernschmelze im Gang sein könne. Wissen könne er das aber nicht, weil er nicht in die Druckbehälter hineinschauen könne.
Was sind das für AKW-Betreiber, die den Zustand ihrer Anlage durch Hineingucken ermitteln? Für wie dumm hält die japanische Regierung die Menschen eigentlich?
Im Umkreis von zunächst drei, dann zehn und später 20 Kilometern rund um das Atomkraftwerk Fukushima wurden Tausende von Anwohnern evakuiert. Verkauft wurde das als reine Vorsichtsmaßnahme.
Die Explosion in Block 1 und 3 sowie eine Rauchsäule über den beiden Meilern sprechen indes eine ganz andere Sprache. Auch der verzweifelte Versuch, die Brennstäbe durch das Fluten mit Meerwasser zu kühlen, spricht Bände!
Nachdem am Samstag (12. März) ähnliche Probleme wie in Block 1 auch aus Block 3 gemeldet worden waren, erweiterte sich das Schreckenszenario am Sonntag (13. März) noch weiter. Sieben Meiler in den beiden Atomkraftwerken von Fukushima hatten Probleme mit der Kühlung!
Auch in der Nähe des Atomkraftwerks Onagawa wurde erhöhte Radioaktivität gemessen und deswegen der Nukleare Notstand ausgerufen. Doch gebe es hier keine Probleme mit der Kühlung, behaupteten Regierung und Betreiber beschwichtigend.
Am Sonntagabend schließlich kam vom AKW Tokai eine erschreckende Nachricht. Auch hier versagten die Notkühlsysteme.
Experten gehen davon aus, dass die Kernschmelze zumindest in zwei Meilern schon im Gange ist. Bangen muss man darum, dass die teilweise geschmolzenen Brennstäbe nun nicht explodieren und einen Supergau auslösen.
Angesichts der Nachbarschaft von gleich zehn Meilern in Fukushima könnte die Explosion eines einzelnen Blocks nicht nur mit der Kettenreaktion innerhalb seines Druckbehälters enden. Tschernobyl wäre dann möglicherweise nur eine leise Vorahnung dessen, was Japan erleben könnte.
Doch mag man hoffen, dass das Allerschlimmste noch verhindert wird. Schließlich ist Japan durch den Tsunami und die ständigen Erdstöße, die seit Freitag dort stattfinden, schon genug gebeutelt!
Während aber Erdbeben und Tsunami Ausdruck unbezwingbarer Naturgewalten sind, ist das Atom-Desaster hausgemacht. Gleich mehrere Faktoren belegen eine ignorante Arroganz der AKW-Betreiber.
Bereits im Jahr 2002 hatte eine japanische Kommission darauf aufmerksam gemacht, dass mit Diesel betriebene Notstromaggregate einem Tsunami möglicherweise nicht standhalten könnten. Der Bericht forderte Kliniken und Kraftwerke in Meeresnähe auf, Notstromaggregate lieber mit Brennstoffzellen oder anderen Technologien zu betreiben als mit Öl.
Die Ansammlung von gleich zehn Reaktorblöcken in zwei AKW-Anlagen mit nur zehn Kilometern Entfernung erhöht das Gefährdungspotential erheblich. Zudem erschwert die Zentralisierung der Energiegewinnung in Großkraftwerken die Stromversorgung nach Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen.
Schon seit Längerem hatten Seismologen ein sehr schweres Erdbeben im Raum Tokyo für die nächsten Jahre prognostiziert. Während einige Experten das Beben von Freitag (11. März) für dieses erwartete Ereignis halten, befürchten andere ein noch schlimmeres Beben, da das Epizentrum gut 400 Kilometer von Tokyo und damit weit weg vom erwarteten Zentrum des prognostizierten Ereignisses lag.
In jedem Fall war die Auslegung der Anlagen auf ein Erdbeben mit der Stärke 8,2 – wie man nun weiß – eindeutig zu optimistisch geplant. Zudem war das Zusammenwirken von Erdstößen und Tsunami offenbar nicht eingeplant gewesen, obwohl es doch durchaus vorhersehbar war.
Zudem ist der Betreiber des AKW Fukushima schon in der Vergangenheit durch nachlässiges und ignorantes Verhalten unangenehm aufgefallen. Trotz der dort allgemein verbreiteten Technikgläubigkeit besitzt TEPCO auch bei den Japanern keinen allzu guten Ruf.
Ähnliches kennen die Bundesbürger allerdings auch von den"Großen Vier" der deutschen Atom-Mafia. Was in Japan jetzt passiert, das weist - zumindest was die Beschwichtigungspolitik betrifft - sichtliche Parallelen zu Deutschland auf.
Auch in bundesdeutschen Atomkraftwerken ist eine Kernschmelze nicht auszuschließen. Zahlreiche Ereignisse könnten auch hierzulande eine ähnliche Katastrophe auslösen wie die in Japan.
Große Passagierflugzeuge könnten direkt über einem Meiler abstürzen. Biblis liegt nicht gerade weit entfernt von den Einflugschneisen zum Rhein-Main-Airport in Frankfurt.
Terrorakte könnten einen Reaktor durch gezielte Sabotage in eine Atombombe verwandeln. Doch während die Bundesregierung die Angst vor Terroristen sonst schürt und als Argument für immer weitere Einschränkungen der Freiheitsrechte heranzieht, bleibt sie in diesem Punkt merkwürdig still.
Unverantwortliche Nachlässigkeit hat es in deutschen Atomkraftwerken auch schon viel zu oft gegeben. Nicht einmal Dübel konnten die Handwerker in Biblis so fest in den Wänden verankern, dass Rohrleitungen im Falle von Erdbeben nicht in gefährliche Schwankungen geraten.
Denn auch Biblis liegt in einer Erdbeben gefährdeten Region. Der Oberrheingraben hat zwar bisher nur leichtere Erdstöße erlebt, doch kam der letzte gerade erst vor wenigen Wochen. Niemand kann garantieren, dass nicht auch hier einmal ein unerwartet starkes Beben stattfindet!
Dennoch hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag (13. März) im Gleichklang mit ihrem Außenminister Guido Westerwelle ihre alte Position bekräftigt, dass die "Kernenergie als Brückentechnologie" notwendig sei. Dass es sich dabei aber um eine sehr schwankende Brücke handelt, deren baugleiche Zwillinge in Japan bereits durchgebrochen sind, davor verschließen die beiden Regierungspolitiker anscheinend die Augen.
Währenddessen regt sich in deutschen Landen der Widerstand gegen die Atomkraft. Ohnehin hatte sich auch in der Vergangenheit schon eine deutliche Mehrheit gegen die Nutzung der Atomenergie ausgesprochen.
Dennoch hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung erst Ende 2010 eine Verlängerung der Laufzeiten auch altersschwacher Reaktoren durchgesetzt. Den Betreibern verspricht diese Entscheigung zusätzliche Milliardengewinne.
Einen kleinen Obulus will die Regierung davon schon erheben und damit die leere Staatskasse füttern. Doch der weitaus größere Anteil an diesem "Hauptgewinn" in der "GAU-Lotterie" soll bei den Energiekonzernen verbleiben. Die Atom-Mafia lässt grüßen!
Ihr Interesse an einer zentralisierten Energiegewinnung steht einer Regionalisierung der Stromerzeugung aus regenerativen Quellen diametral entgegen. Doch gerade die Erzeugung von Solarstrom oder die Verteilung von Windrädern in den verschiedenen Regionen wären wesentlich krisensicherer als die Versorgung aus einigen wenigen Großkraftwerken.
Wenn Erdbeben, Überschwemmungen, Hurricans oder andere Naturereignisse die Strom- und Gasleitungen beschädigen, dann würde sich das bei einer regionalisierten Energieerzeugung auch nur regional auswirken. Eine Wiederherstellung der Versorgung wäre dann wesentlich einfacher!
Die Folgen einer zentralisierten Stromversorgung sind in Japan schon sichtbar: Am Sonntagabend hat die Regierung die Rationierung von Strom und temporäre Abschaltungen der Netze angekündigt.
Für eine regionalisierte Energieversorgung treten schon seit etlichen Monaten die
Stadtwerke Marburg (SWM) und die Parlamente benachbarter Gemeinden ein. Sie haben eine Regionale Stromversorgung aus regenerativen Quellen auf den Weg gebracht.
Mit allen Mitteln verhindern wollte das der Energiekonzern EAM. Dessen Vertreter hat - glücklicherweise erfolglos - versucht, die Gemeinde Cölbe mit dem Versprechen von Arbeitsplätzen durch Verlagerung ihrer Regionalverwaltung von Marburg nach Cölbe zu bestechen, damit sich das Gemeindeparlament gegen die regionale Energieversorgung wendet und auf die Seite des Energie-Riesen stellt.
Dem Einfluss der "Großen Vier" muss die Politik deshalb sofort Einhalt gebieten. Es darf nicht mehr so weitergehen, dass die AKW-Betreiber ihre Interessen gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit durchsetzen!
Um den Druck dafür zu erhöhen, werden Menschen auch in Marburg am Montagabend auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz eine Mahnwache abhalten, die die umgehende Abschaltung aller Atomkraftwerke fordert. Bereits am Samstag (12. März) verzeichnete eine - lange schon vorbereitete - Menschenkette zwischen dem maroden Meiler in Neckarwestheim und der 45 Kilometer entfernten baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart mit gut 60.000 Teilnehmenden ein Drittel mehr Aktive als erwartet!
Der hilflose Versuch von Regierungspolitikern, die - nun wieder stark aufgebrandete - Diskussion über die Atomkraft mit dem Verweis abzuwürgen, man müsse doch jetzt an die Menschen in Japan denken und dürfe ihr Elend nicht für eigene politische Zwecke ausnutzen, folgt genau der gleichen Strategie, mit der der schließlich doch noch zurückgetretene "Verteidigungsminister" Karl-Theodor zu Guttenberg eine Debatte über seine abgeschriebene Doktorarbeit mit dem "Argument" eindämmen wollte, der Tod deutscher Soldaten in Afghanistan verbiete eine solche Diskussion. Damit wollte der skrupellose Kriegsminister das Recht der Bürger auf eine kritische Auseinandersetzung mit seinen eigenen Verfehlungen arrogant beiseite schieben.
Doch wenn Menschen an gefährlichen Strahlen erkranken oder sogar sterben, dann gebietet es die Anteilnahme an ihrem Schicksal geradezu, das Sterben weiterer Menschen mit Nachdruck zu verhindern. Dabei muss jeder dort beginnen, wo er lebt. Hier muss der weltweite Ausstieg aus der mörderischen Atomenergie anfangen!
Franz-Josef Hanke
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