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Feinsinnige Analysen


Diskussionen bei den Marburger Kameragesprächen 2011

06.03.2011 (jnl)
Wenn sich Medienwissenschaftler analytisch auf die Spuren der Filmtechnik-Praktiker begeben, dann treffen zwei Welten aufeinander. Auch im 13. Jahr der zweitägigen Marburger Kameragespräche, die am Freitag (4. März) im Filmkunsttheater "Kammer" am Steinweg begannen, rieben sich Reflektionen aus der pragmatisch-emotionalen Praxis der Kameraarbeit mit deren abstrakt-begrifflichen Nachvollzügen.
Mit Dr. Andreas Jahn-Sudmann hatte man den Autor eines wichtigen Standardwerks zum "Dogma-95"-Aufbruch als Impulsreferenten gewonnen. Der schlaksige Medienwissenschaftler der Universität Göttingen fokussierte das naheliegende Thema "Bewegung und Unmittelbarkeit - Zur Bildgestaltung von "Das Fest".
Das Dogma-Manifest war mit seinem "Gelöbnis der Keuschheit" lediglich eine medienträchtige Rebellion, stellte der Göttinger klar. Als "antidekadente" Aktion zur "Rettung" des Verlangens nach Authentizität besitzt es filmgeschichtliche Vorläufer wie das "Cinema Verité" und die "Nouvelle Vague".
Nicht zuletzt aus Kostengründen wurde "Das Fest" mit Digitalvideo-Handkameras gedreht. Der proklamierte generelle Verzicht auf künstliche Beleuchtung und weitere "Regeln" stellte die Bildgestaltung vor unglaubliche Herausforderungen.
Der vermeintlich "kindliche Blick der Kamera" führte bemerkenswerterweise dennoch zu einem hochgradig gelungenen und erfolgreichen Film. Der Anteil Anthony Dod Mantles daran war groß.
Im Gespräch mit Jahn-Sudmann und dem Moderator Prof. Dr. Malte Hagener erläuterte der Preisträger, dass er das Skript wirklich "machen" wollte, den Regisseur kannte und sich deshalb auf diese "verrückte" Herausforderung an seine Kreativität einließ. Die eigentlichen Dreharbeiten dauerten dennoch nur fünf Wochen".
Die Suche nach dem geeigneten Gebäude in Dänemark hingegen war langwierig. Da die Entwicklung der Bildgestaltung bei ihm aus den vorhandenen Räumen stattfinde, musste es ein ungewöhnliches, sehr großes Haus mit "Geheimnissen" sein.
Ein zweiter Kameramann wurde nur bei den Toast-Reden eingesetzt. Die Dogma-Regel, Bild- und Tonaufnahme nicht getrennt aufzunehmen, kostete zusätzlich viel Anstrengung.
Der Vorjahrspreisträger Jost Vacano machte darauf aufmerksam, dass er bei "Das Boot" 1990 ganz ähnliche Authentizitätsregeln wie "Dogma 95" eingehalten hatte. Da er dieses Manifest nie für wirklich professionell gehalten hatte, sei ihm das erst spät zu Bewusstsein gekommen.
Rolf Coulange fragte, ob man wie beim "Cinema verité" die Kameraarbeit durch die Bewegung sichtbar habe machen wollen. Dod Mantle erwiderte lächelnd, dass wenig derartige Planung betrieben worden sei. Er habe "spielerisch und fröhlich" die gegebenen Lichtverhältnisse und Möglichkeiten ausgetestet und umgesetzt.
Der Kamerastar machte aber auch darauf aufmerksam, dass nur wenige der über 200 Dogma-Filme überhaupt funktioniert hätten. Und im Grunde habe er all das emotional erarbeitet.
Am darauffolgenden Samstag (5. März) diskutierten der Münchner Kameramann Johannes Kirchlechner und als Moderator der Filmhistoriker und Dokumentarfilmer Robert Fischer darüber, "Wie Technik Imagination beflügelt". Am Beispiel von "Slumdog Millionaire" erkundete man das Spannungsverhältnis zwischen Technologie und Kunst.
Dod Mantle machte deutlich, dass er keine festgefügten Regeln akzeptiere, sondern immer von Fall zu Fall neu entscheide. Er verfolge den technologischen Fortschritt der Aufnahmegeräte aufmerksam und durchaus fasziniert und probiere sie gründlich aus, bevor er damit arbeite.
Er wehrte sich dagegen, "von der galoppierenden Technik entfremdet zu werden". Es gelte immer, die innere Logik und die eigene emotionale Wahrnehmung einzubringen. Die Auswahl bei der Cadrierung erfolge immer im Hinblick auf den größeren Zusammenhang des "Story Telling".
Im Blick auf Studenten und Medienwissenschaft bekannte er, dass man die fachlichen Regeln zunächst beherrschen lernen müsse, um sie dann in der Praxis zu testen und nötigenfalls zu brechen. Nichts habe ihn auf der Filmhochschule mehr abgestoßen als "clean abstracts". Man brauche eine Balance aus Bewusstsein und Gewissen sowie Poetik.
Auf die Frage nach dem Realitätsgehalt des Films sowie seiner Manipulationskraft reagierte er sehr nachdenklich. "Slumdog" sei eine Art postmoderner Charles Dickens.
Der Film sei sehr kommerziell und zugleich ein Blick in die Abgründe indischer Armuts-Realitäten. Es gehe vielfach um "emotionale Wahrheit" und nicht um Objektivität.
Aus dem Publikum kam die Frage, ob man solche Instinkte, wie sie Dod Mantle einsetze, mitbringen müsse oder tatsächlich trainieren könne. Tja, meinte der Angesprochene, das hänge vom "emotionalen Kompass" der betroffenen Persönlichkeit ab.
Hagener fragte nach dem Stellenwert der weltweit streng festgelegten Abläufe der Fernsehshow "Wer wird Millionär?". Dod Mantle gab zu, dass diese totalen Fixierungen "recht hässlich" und "erschreckend" seien.
Aber man müsse das als fantastische Herausforderung sehen, "trotzdem" etwas Eigenes, Spannendes daraus zu machen. Danny Boyle habe das übrigens ganz ähnlich gesehen.
Im Schlusswort verwies der organisatorische Leiter Andreas Kirchner auf die enorme Geduld gegenüber Fragen, die Dod Mantle auszeichne. Neben seiner großen Präsenz und Neugier sowie Mut, ständig neu Wege zu bahnen, mache ihn das zu einem der ganz Großen im Metier.
Jürgen Neitzel
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