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Kunstentwicklung


Feiner Humor zeichnete Vernissage aus

18.11.2010 (jnl)
Das Werk der Marburger Künstlerin Doris Baum bringt lächelnd die Chuzpe und auch die Selbstironie auf, sich selbst - und einige Zeitgenossinnen - als Urform der Weiblichkeit zu konterfeien. Das Ganze steht dann lustigerweise unter dem symbolträchtigen katholischen Namen "Maria".
Auf der Vernissage "Maria durch ein Dornwald ging" am Mittwoch (17. November) im Kunst-Forum des Arbeitsgerichts Marburg kamen diese Gemälde vor vollem Haus prächtig an. Zahlreiche Künstlerkolleginnen, Journalisten und Marburger aller Altersgruppen drängten sich in den Ausstellungsfluren an der Gutenbergstraße. Durch Außenlautsprecher konnten auch jene, die beim besten Willen nicht mehr Plätze im Sitzungssaal gefunden hatten, die - wie immer eindrucksvolle - Vernissage-Rede von Arbeitsgerichtsdirektor Dr. Hans-Gottlob Rühle mitverfolgen. Nur die beiden Auftritte der Clownin "Fritzi" alias Dagmar Kräutle waren mangels Ausstattung mit "Head-Set" außerhalb des Hauptraums nicht zu verstehen.
Nach einer kurzen Schilderung des Lebenslaufs der Künstlerin ging Rühle ausführlich auf etliche der gezeigten großformatigen Bilder und ihre kunsthistorischen Hintergründe ein. Als wesentliche Quellen der Baumschen Inspiration verwies er besonders auf die Mystik Jakob Böhmes und die Ausbildung von 2002 bis 2005 als Meisterschülerin bei Prof. Dr. Johannes Grützke in Nürnberg.
Ein lebensgroßes Selbstbild im Eingangsraum links zeigt Baum mit angedeutetem Heiligenhalo als Mittvierzigerin luftig bekleidet nur mit Leibchen und Slip. Die altersbedingte Cellullitis ist nicht wegretuschiert. Die sinnliche Frau auf dem Bild schaut sehr selbstbewusst aus.
Das ähnlich kraftvolle Großbild "Trinitatis Mariae" am anderen Ende des Ausstellungsflurs zeigt die Malerin als "Maria" im Nachthemd. Wie eine Hydra hat sie drei Köpfe respektive Ausdrucksformen.
Links ist die sinnliche Frau, zentral die frohgemute, umgängliche Person und rechts die aggressive Seite der Persönlichkeit. Gerahmt wird das vor einer traditionell marienblauen Grundierung mit einer Tor-Ornamentik.
In den oberen Ecken sind runde Symbolbilder eingelassen. Links sieht man einen Stier und rechts ein Schaf.
Das dritte - speziell auf das Marienthema eingehende - Gemälde zeigt die Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm. Es ist, wie Rühle zutreffend anmerkte, das bei weitem am stärksten an die katholische Tradition angelehnte Marienbild. Abgebildet ist stellvertretend und sinnlich die Künstlerin als stolze Mutter.
Jedoch sind es nicht nur körperbewusste, lustvolle Selbstporträts, was diese Ausstellung bietet. Im Vorraum - wenn man das Gebäude betritt, unmittelbar linker Hand - hängt ein großes Gemälde, das eine hübsche Frau mittleren Alters mit Blindenstock zeigt. Das ebenfalls lebensgroße Portrait bildet - wie Rühle dankenswerterweise erläuterte - eine befreundete Therapeutin ab, die erst im Laufe ihres Lebens erblindete.
Die - heute in Marburg so vertrauten - langen weißen Stöcke, die Blinden das eigenständige Aufbrechen zu Stadtgängen ermöglichen, gibt es übrigens erst seit 1975. Zuvor war jeder Blinde ständig auf einen Hund oder Menschen als Begleiter auf seinen Wegen außerhalb der eigenen Wohnung oder Arbeitsräume angewiesen.
Das titelgebende Motto der Ausstellung "Maria durch ein Dornwald ging" ist natürlich einem Kirchenlied entnommen. Rühle drohte scherzhaft an, dass er einen Spontan-Choral anstimmen wolle, da doch unter den Anwesenden zahlreiche das Lied zumindest in der ersten Strophe mitsingen könnten.
Dieses Motto ist zugleich der Name eines zwei mal zwei Meter großen Gemäldes direkt gegenüber dem Eingang zum Sitzungssaal. Gezeigt wird darauf die wirtschaftliche Misere der Kreativen in Deutschland.
In einer Bewegungsstudie eingefangen - also mehrfach abgebildet als eine gemalte Erzählung - sieht man die Clownin "Fritzi" und ihre begleitende Riesenmaus, wie sie durch einen dornigen Baumbestand laufen. An den blattlosen, winterlichen Ästen hängen Geldfläschchen.
Eine der transparenten - mit Goldmünzen gefüllten - Flaschen bekommen sie zu fassen. Argwöhnisch beißt die Clownin wie ihre Maus auf eine Münze. Denn mit dieser Probe findet man traditionell heraus, ob die Münze hart und echt ist.
An der sonnig humoristischen Kunst von Baum ist dagegen gewiss alles echt und nachprüfbar. Das kann man bis zum Ausstellungsende am 11. Februar 2011 im Arbeitsgericht selbst nachvollziehen.
Jürgen Neitzel
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