12.01.2008 (sts)
"Bernhard, benimm dich, sonst schicke ich dich ins Altenheim.“ Nein, das ist kein gehässiger Satz undankbarer Kinder an den nervenden Großvater. Das sagte eine ältere Dame an ihrem 102. Geburtstag zu ihrem 80-jährigen Sohn.
Mit solchen und ähnlichen Anekdoten versuchte die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr bei ihrem Vortrag zum Neujahrsempfang des Landkreises Marburg-Biedenkopf am Freitag (11. Januar) im Landratsamt, den demografischen Wandel anschaulich zu erläutern.
Die in dieser Episode deutlich werdende Veränderung der Gesellschaft wird auch gerade den Landkreis massiv betreffen. Bis 2020 wird die Bevölkerung um 3,4 Prozent sinken. Gleichzeitig wird die Zahl der über 60-jährigen von 18,3 Prozent auf 26,3 Prozent ansteigen. Die Zahl der über 80-jährigen steigt gar um 77,4 Prozent. Diese Zahlen machen deutlich, dass man es mit massiven gesellschaftlichen Umwälzungen zu tun hat.
Auch hier fand die 78-jährige Lehr Aspekte für konstruktive Kritik: "Ältere Menschen brauchen Handläufe, die sie ganz umgreifen können und Bänke mit Armlehnen. Beim Rundgang durch die Kreisverwaltung habe ich den hiesigen Nachholbedarf bereits angesprochen.“
Das Spektrum der künftigen Veränderungen sei aber noch ungleich breiter: Von gut lesbaren Preisschildern in den Supermärkten über barrierefreien Wohnungsbau reicht es bis zu speziellen Reise-Angeboten für ältere Menschen.
"Vom 3-Generationen-Vertrag haben wir uns schon verabschiedet. Kamen 1890 auf eine 75-jährige Person noch 79 jüngere Menschen, so waren es 2007 gerade noch 10 Personen“, warf Lehr einmal einen anderen Blick auf die gegenwärtige Situation. Diese Zahlen erforderten einerseits kürzere Ausbildungszeiten, zum anderen einen längeren Verbleib im Arbeitsleben.
Das solle aber keineswegs „als Fluch verstanden werden“, schließlich sei "die weder über-, noch unterfordernde Berufstätigkeit die beste Gesundheits-Prophylaxe“.
Die Älteren würden ebenso gebraucht wie die Jüngeren. Lehr forderte deswegen zum "Miteinander der Generationen“ auf.
Noch beeindruckender als ihr kurzweiliger und informativer Vortrag war aber die Rednerin selbst. Der Optimismus, den sie abschließend als Grundlage für das Auskosten der im Leben gegebenen Möglichkeiten beschwor, schien sich geradezu in ihrer Person zu manifestieren. Ursula Lehr fordert nicht nur, in den Problemen des Lebens Aufgaben zu sehen, die es zu bewältigen gilt. Sie lebt es vor.
Stephan Sonntag
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