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Weiter gediehen


Premiere der Science-Slam-Reihe

28.10.2010 (jnl)
Was bringt die Universitäts-Menschen ins Hessische Landestheater Marburg? Am Mittwoch (27. Oktober) startete um 22 Uhr auf der "Bühne" am Schwanhof der allererste Marburger "Science Slam" in der Regie des Theaters.
Beim Betreten des Theatersaals fiel auf, dass auf eine atmosphärische Adaption ans Zielpublikum viel Wert gelegt worden war. Warme Jazzklänge aus "A Love Supreme" umrahmten eine Fußballtor große Leinwand, die Science-Web und einen Nano-Tech-Film zeigte.
Auf der rechten Bühnenseite hockte ein museumsreifer junger Mensch in historischer Gelehrten-Kleidung vor einem malerischen Tisch. Er starrte versonnen auf den verrinnenden Sand seines Stundenglases.
Schlagartig erwachte dieser Schauspieler - das Ensemble-Mitglied Tobias M. Walter - nach der akademischen Viertelstunde zum Leben. Sprachgewaltig intoniert, ertönte der berühmte Monolog aus Johann Wolfgang Goethes "Faust". Es war ein echter Hingucker, wie ein leibhaftiger "Doktor Faustus" die Fruchtlosigkeit der Wissenschaften beklagte und als Konsequenz den Übergang zur "Magie" verkündete.
Nun begrüßten die Moderatorin Dr. Christine Tretow und ihre Assistentin Charlotte Tauber das Publikum zur Auftaktveranstaltung der monatlichen "Science Slam"-Reihe. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin Tretow ist stellvertretende Intendantin.
Fünfzehn Minuten lang folgte nun ein akribisch vorbereiteter humoristischer Vortrag über das Klischee des weltfremden Wissenschaftlers im Laufe der Epochen. Erst dann begann der Slam.
Die bewährten Spielregeln des Poetry Slams wurden kurz erläutert. Um eine fünfköpfige Jury zu bestimmen, ging die resolute Moderatorin bis in die hinteren Publikumsreihen. Wer keck genug guckte, war dran.
Der Marburger Wissenschafts-Journalist Johannes Scholten hielt den ersten Wettbewerbs-Vortrag. Mit dem Thema "Wozu Wissenschafts-Kommunikation?" nahm er den eigenen Beruf ins Visier. Können die Wissenschaftler nicht von sich aus in allgemein verständlicher Sprache ihre Resultate in die Welt posaunen?
Offenbar können sie es allzuoft nicht. Denn die Spezialisierung der fachlichen Disziplinen ist weit fortgeschritten.
Die intern gebräuchlichen Fach-Vokabulare sind oft nicht einmal den Kollegen am Fachbereich geläufig. So verwundert es auch nicht, dass kein einziger Professor der Einladung des Theaters gefolgt war, zum spielerischen Slam anzutreten.
Mit erheblichem Aufwand an laptop-gesteuerten Bildern demonstrierte Scholten an drei Beispielen, wie Wissenschaftler heutzutage ihren guten Ruf mit missverständlichem "Denglisch" versemmeln. Die Vokabel "Cluster" etwa kann vielerlei bedeuten, doch außerhalb der "In-Group" versteht fast niemand, was gemeint war.
Ohne Wissenschafts-Journalisten wären die Universitäten bei der Vermittlung ihrer Wissenschaftler oft aufgeschmissen, lautete das Fazit. In hektisch gesprochenen acht Minuten schaffte es Scholten, das enge Zeitlimit von zehn Minuten sogar zu unterschreiten. Von der Jury erhielt er im Mittel 7 von 10 möglichen Punkten für seinen Vortrag.
Markus Helmerich betrat die Bühne anschließend mit dem provokanten T-Shirt-Aufdruck "Mathe macht glücklich". Für seinen Vortrag "Zahlen lügen nicht - oder doch?" brauchte der Studienrat für Mathematik und ihre Didaktik aus Siegen keinen Laptop, sondern die klassische grüne Kreide-Tafel. An vier alltagsnahen Beispielen zeigte er auf, dass Zahlen und Formeln sich sehr zur Vortäuschung falscher Tatsachen eignen.
Die Steuererklärung sollte man zur Steigerung der Glaubwürdigkeit mit krummen, statt gerundeten Zahlen gestalten. Aber Vorsicht dabei, die Benford-Regel sollte eingehalten werden!
Der Bremsweg wird meist fahrlässig unterschätzt, weil die Formel nicht im Fahrer-Hirn verankert ist. Mit Diagrammen wird gelogen, dass die Balken krachen. Denn die Normalbürger kennen die Tricks dabei zu selten.
Für seinen kurzweiligen Ausflug in die Mathe-Didaktik erhielt der derzeitige Gastprofessor in Köln ebenfalls im Durchschnitt 7 von 10 Jury-Punkten. Mit einem Zitat von Albert Einstein über das Lügen-Potenzial von Mathematik schickte Tretow das Publikum sodann in eine zehnminütige Pause.
"Mit der pünktlichen Verspätung einer Diva" lautete das Thema des Ulmer Musikwissenschaftlers Benjamin Künzel, der als dritter Wettbewerber die Bühne enterte. Am Flügel wurden von ihm allen Fans des Musiktheaters die Vielfalt der Formen der Auf- und Abtritte des Operetten-Schauspielerns humoristisch nahegebracht.
Tenöre mochte Künzel offenbar nicht, denn laut ihm betreten sie immer mit einer Art Brunftschrei die Bühne. Seine Nachahmungen brachten satte Lacher im Publikum.
Die Abgänge der Operetten-Darsteller sind zumeist Duette. Laut Künzel steht dahinter das einfache Kalkül, dadurch immer gleich zwei loswerden zu können.
Der erfahrene Musik-Kabarettist Künzel bekam von der Jury Spitzenbewertungen von im Schnitt neun Punkten. Kritisch muss man anmerken, dass die Moderatorin sich unmittelbar vor dem Aufruf der Wertung verbal kräftig für Künzel einsetzte.
Das ist mit der Neutralität der Rolle und fairen Spielregeln eigentlich nicht zu vereinbaren. Doch das war hoffentlich ein einmaliger Patzer!
Der Braunschweiger Computer-Wissenschaftler Felix Büsching kam als Vierter. Mit Laptop-Bebilderung hielt er einen äußerst unterhaltsamen Vortrag zum Thema "Wie W-LAN eigentlich funktioniert".
Ob es sich um den Einsatz auf Großbaustellen handelt oder um techniche Hilfe für alte Menschen, dem gefürchteten Oberschenkelhalsbruch zu entgehen - die eingesetzte W-LAN-Technik ist laut Büsching grundlegend die gleiche. Fachlich heißt sie "drahtlose Sensornetze".
Seine witzige Umsetzung des "zeitlichen Multiplex" in grafische Indianer, die mit Rauchzeichen kommunizieren, gewann dem sperrigen Thema die Herzen des Publikums. Auch Büsching bekam ähnliche Spitzenbewertungen wie Künzel und damit im Schnitt 9 von 10 möglichen Punkten.
Als fünfter und letzter Wettbewerber betrat der Gießener Wissenschafts-Journalist Utz Thimm die Bühne. Mit seinen - ohne technische Hilfsmittel frei und flüssig vorgetragenen - Überlegungen "Alter Schwede - warum Celsius keine negativen Temperaturen wollte" konnte er ebenfalls begeistern.
Die wissenschaftshistorische Entwicklung von Fahrenheit zu Celsius und Kelvin war spannend und gut verständlich aufbereitet. Manch ein Universitäts-Dozent könnte sich daran ein Beispiel nehmen! Da Thimm eher sachlich als satirisch auftrat, lagen indes seine Jury-Bewertungen im Schnitt bei nur 8 von 10 Punkten.
Nach den Aufzeichnungen der Assistentin Charlotte lagen Künzel und Büsching am Ende punktgleich. Auch das von der Moderatorin eingesetzte Mittel - per "Applausometer" des Publikums - sollte einen klaren Sieger küren. Doch es zeigte keinen deutlichen Vorsprung für einen der beiden. Daher wurden verdientermaßen beide als Gewinner des Oktober-Slam ausgewiesen.
Eine eher spaßige Auszeichnung mit symbolischen kleinen Preisen wurde zelebriert. Danach nahm man zum Schlussapplaus Aufstellung. Versehentlich vergaß die Moderatorin jedoch, den Schauspieler Tobias Walter auf die Bühne zu holen.
Man erntete enthusiastische Ovationen für die gelungene Premiere der neuen - von nun an mit Ausnahme des Dezembers monatlich stattfindenden - Reihe. Das nächste mal steigt der "Science Slam" am Mittwoch (17. November).
Als Fazit des Auftakts bleibt festzuhalten: die aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten fünf Wettbewerbsteilnehmer boten einen abwechslungsreichen Cocktail zur Popularisierung der Wissenschaft. Die sprachgewaltige Christine Tretow überzeugte - trotz ihrer zwei kleinen Patzer - als eine ideale Besetzung für die Moderation.
Ihre Assistentin sollte künftig allerdings ein klein wenig mehr übernehmen, als nur einen Klimbim-Blickfang darzustellen. Besonders die Jury-Punkte sollte sie deutlicher vernehmlich machen. Dass der Veranstaltungsbeginn künftig auf 21 Uhr vorverlegt wird, kann man als Einsicht in winterliche Notwendigkeiten positiv werten.
Jürgen Neitzel
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