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Bedürftigkeit abmildern


Neue Stiftung soll Armut lindern

20.10.2010 (fjh)
Stolz auf Marburgs Stiftungslandschaft äußerte sich Egon Vaupel am Mittwoch (20. Oktober). Im Magistrats-Sitzungssaal des Rathauses nahm der Oberbürgermeister aus den Händen des Gießener Regierungspräsidenten Dr. Lars Witteck die Stiftungsurkunde der Prof.-Dr.-Erwin-Brocke-Stiftung entgegen.
Ihre Errichtung hatten die Eheleute Prof. Dr. Erwin Brocke und Eva Maria Brocke testamentarisch verfügt. Stefan Höck von der Sparkasse Marburg-Biedenkopf (SKMB) hatte als Testamentsvollstrecker die notwendigen Vorbereitungen für die Anerkennung durch das Regierungspräsidium Gießen (RP) getroffen.
"In keiner anderen Stadt meines Zuständigkeitsbereichs gibt es diese Dichte an mildtätigen Stiftungen", erklärte Witteck. Darauf sei auch er als Regierungspräsident stolz, fügte er hinzu.
Oberbürgermeister Vaupel erklärte diese Tatsache auch mit dem Wirken der Heiligen Elisabeth, das Marburg nachhaltig geprägt habe. Auch die Eheleute Brocke seien diesem Vorbild mit der Einrichtung ihrer Stiftung gefolgt.
Erwin Brocke war 1943 im Alter von 22 Jahren nach Marburg gekommen, um an der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) die Blindentechnische Grundausbildung zu absolvieren. Im Zweiten Weltkrieg war der 1921 in der Nähe von Magdeburg geborene Offizier durch einen Granatsplitter verwundet worden und daraufhin an beiden Augen erblindet.
Nach Kriegsende nahm er an der Philipps-Universität ein Jura-Studium auf. 1954 begann er zunächst als Rechtsanwalt, bevor er 1956 zum Sozialrichter berufen wurde.
1961 wurde er zum Bundesrichter ernannt. Am Bundessozialgericht in Kassel avancierte er 1973 zum Senatsvorsitzenden und 1980 sogar zum Vizepräsidenten des Gerichts. Damit hatte er die höchste Stellung inne, die je ein Blinder an einem deutschen Gericht ausgeübt hat.
Trotz der beruflichen Karriere in Kassel blieben Brocke und seine in Marburg geborene Ehefrau der Stadt an der Lahn treu. Ihr Vermögen vermachten sie deshalb der Stiftung, die Bedürftige mit kleinen Geldbeträgen unterstützen soll.
Vaupel verglich die Arbeit der Stiftung mit der Theodor-Schubert-Stiftung. Auch sie schüttet pro Jahr 200 Euro an Bedürftige aus, die dafür von der Stadt oder sozialen Organisationen vorgeschlagen worden sind.
Genauso verfährt auch die Brocke-Stiftung. Bereits vor Weihnachten werden etwa 125 Menschen von ihr einen Scheck über 200 Euro erhalten. Bedürftige Ehepaare können sich über 300 Euro freuen.
Ausgesucht werden die Begünstigten von einem Arbeitskreis, in dem die beiden großen Kirchen, Wohlfahrtsorganisationen und Vertreter der Stadt marburg mitarbeiten.
Gemeinsam erstellt dieser Arbeitskreis eine Liste der Bedürftigen. Oberbürgermeister Vaupel hat selbst die Funktion des Vorsitzenden im Stiftungskuratorium übernommen.
Den Stiftungsvorstand bilden Klaus-Jürgen Damm von der SKMB und der blinde Jurist Dr. Michael Richter. Er verglich die Situation des Stifters mit seiner eigenen Lebenserfahrung: "Auch ich bin hierher nach Marburg gekommen und habe hier eine Chance bekommen, trotz meiner Blindheit Jura zu studieren und etwas aus meinem Leben zu machen."
Die Errichtung der Stiftung solle man als eine Art "Rendite" der vielen sozialen Einrichtungen betrachten, die es in Marburg gibt. Brocke habe damit seinen Dank dafür abstatten wollen, dass die Stadt an der Lahn ihm die Möglichkeit zu seiner außergewöhnlichen Karriere eröffnet habe.
"Die sozialen Einrichtungen sind eben nicht nutzlos", bekräftigte Richter. Sie schärften das Bewusstsein dafür, dass Mitmenschlichkeit die notwendige Bedingung für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft darstelle.
Diesen solidarischen Geist wünschen sich auch Vaupel und Witteck. Sie hoffen darauf, dass viele weitere Menschen dem Beispiel des Ehepaars Brocke folgen werden.
Franz-Josef Hanke
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