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Sehr gediegen


Historische Krimi-Lesung als Abenteuer

14.10.2010 (jnl)
In stimmigem Ambiente präsentierte das Marburger Krimifestival im G-Werk am Afföller einen aufstrebenden Marburger Autor. In der "Baari Bar" war am Mittwoch (13. Oktober) Daniel Twardowski mit seinem aktuellen Roman "Das blaue Siegel" zu Gast.
Hinter diesem Künstlernamen steckt der - an der Philipps-Universität promovierte - Germanist Dr. Christoph Becker. Um mit Belangen seiner wissenschaftlichen Laufbahn nicht zu kollidieren, hat er für seine schriftstellerische Arbeit ein Pseudonym gewählt. In Marburg ist Twardowski durch sein 2004 aufgeführtes Theaterstück "Der zweyweibige Landgraf" - ein Auftragwerk des Hessischen Landestheaters - bekannt.
In einer ungewöhnlich langen Lesung aus zwei Kapiteln seines historischen Krimiminalromans tauchten die Besucher tief ein ins 19. Jahrhundert. Twardowsky hat in seiner Trilogie um den Engländer John Gowers zwei Geschichten in stetem Wechsel ineinander verwoben.
Die Haupthandlung spielt 1866 im britisch kolonialisierten Indien. Dort schlägt sich Gowers beim Reisen über den Subkontinent als Detektiv durch. Dagegen geschnitten ist die Story vom Überleben auf einer Nordpolarmeer-Expedition, die der jugendliche Gowers erlebt hatte.
Ausgedacht hat sich Twardowski eine facettenreiche Handlung um eine Mordserie in den Kreisen der indischen Adelsfamilien. Zugleich ist es die Zeit nach der blutigen Niederschlagung einer indischen Aufstandsbewegung. Die Offiziere der Kolonialmacht lebten laut dieser Schilderungen in unglaublichem Luxus.
Der Autor hat nicht etwa wild drauflos fabuliert. Mit historischen Recherchen hat er bis ins Detail sichergestellt, dass die beschriebenen Fuhrwerke, Kleider und sozialen Verhältnisse tatsächlich plausibel sind.
Das titelgebende "blaue Siegel" ist eine Tätowierung. Sie hat Gowers auf den Körpern der gedungenen Mörder gefunden, mit deren Nachstellungen er zu tun bekommt. Sehr angenehm ist dabei Twardowskis beiläufig in die Schilderungen einfließender trockener Humor.
Die Lesung war sehr temporeich und flüssig vorgetragen. Manche Hörer wünschten sich deutlicher mit kleinen Atempausen markierte Übergänge zwischen den hart ineinander geschnittenen Erzähl-Ebenen.
Die Fragerunde wurde sogar noch interessanter. Wie kam Twardowski alias Becker zu seinen Stoffen?
Das 19. Jahrhundert sei sein Forschunggsgebiet, auf dem er sich bestens auskenne, erläuterte der 48-jährige Autor. Da lag es nahe, diese Kenntnisse auch für eine schriftstellerische Karriere fruchtbar zu machen.
Sein Künstlername habe ihm übrigens manchesmal Identitätszweifel seitens Hotelportiers und Steuerfahndern eingebrockt, meinte er. Erst als er den Künstlernamen in seinen Personalausweis eintragen ließ, hatte er damit Ruhe. Diese Anekkdoten sind zweifellos nur im Nachhinein zum Lachen.
Seit er sich durch eine durchsetzungsstarke Literatur-Agentur vertreten lässt, hat Twardowski einen passablen Vertrag mit dem renommierten Goldmann-Verlag. Als er es vor fünf Jahren zunächst ohne Agenten versuchte, bekam er viele Standardabsagen. Seit etwa 1995 funktioniert der Zugang zu den Verlagen für neue Autoren nach seinen Erfahrungen nur mehr über professionelle Vermittler.
Bei den Kritikern ist Twardowski meist gut beurteilt worden. Der erste Roman der Reihe "Tod auf der Bnorthumberland" wurde immerhin sogar mit einer Nominierung für den Glauser-Preis geadelt.
Manchen Lesern ist sein Konzept, zwei unabhängige, locker zusammenhängende Geschichten ineinander zu schneiden, zu anstrengend, räumte der Schriftsteller ein.
In seiner Etablierung als Schriftsteller ist der Marburger bereits weit vorangekommen, muss aber weiterhin kämpfen. Wegen der sich ungünstig verändernden Buchläden-Landschaft seien seine Bücher leider nicht überall direkt erhältlich.
Die Ketten "Thalia" und "Weltblick" etwa hätten ihn nicht im Sortiment, "Hugendubel" dagegen schon. In Marburg selber gebe es ja noch eine erfreulich vielfältige Buchladen-Szene.
Dass es ihm nach wie vor großen Spaß macht, merkte man Twardowski alias Becker trotzdem an. Der freundliche, hoch gewachsene Mann mit Vollbart und Brille wirkt sehr bodenständig und sympathisch.
Jürgen Neitzel
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