15.09.2010 (jnl)
Mit seinem Serienhelden Jack Taylor gastierte der irische Kriminalschriftsteller Ken Bruen am Dienstag (14. September) im
Technologie- und Tagungszentrum (TTZ). Noch kennen ihn in Deutschland eher wenige.
Der freundlich grinsende weißhaarige Lesereisende hat mit seinem Roman "Jack Taylor fliegt raus" kürzlich den dritten Platz beim Deutschen Krimi-Preis in der Kategorie "International" gewonnen. Der Pilotfilm zur Verfilmung des Stoffs für das deutsche Fernsehen liegt bereits vor.
Nun möchten Bruen und sein Schweizer Verlag die deutschen Leser erobern. Deswegen saß der 59-jährige Autor auf der TTZ-Bühne zwischen der Amerikanistin Dr. Fabienne Quennet und dem Schauspieler Peter Meyer.
Die als Moderatorin hinzugezogene Englisch-Expertin vom Sprachenzentrum der Philipps-Universität stellte den Schriftsteller kurz vor. Er hat einen philosophischen Doktorgrad und war, bevor er freier Autor wurde, als Lehrer für englische Literatur 25 Jahre lang international tätig.
Bruen las ein paar kurze Partien aus den englischen Original-Romanen. Auch jene im Publikum, die den Helden noch nicht kannten, bekamen daraus ein Bild, mit wem sie es da zu tun haben.
Der Ex-Polizist Taylor ist ein raubeiniger Bursche mit weichem Herzen. Er säuft, kokst und schlägt zu, wenn ihm danach ist.
Weil ihm ein Politiker missfällt, verprügelt er ihn einfach. Danach muss Taylor den Polizeidienst quittieren.
Andererseits liebt dieser Rabauke die schöne Literatur, singt und zitiert Gedichte. Seinen Freunden gegenüber ist er opferbereit. Für ihr geistig behindertes Baby springt er in die Bresche.
Meyer las drei Passagen aus den beiden schon in deutscher Übersetzung vorliegenden Bänden der Taylor-Serie. Mit seiner kraftvollen Stimmführung kam der passende Tonfall für den äußerst temperamentvollen Detektiv gut rüber.
Bei den Fragen an den Autor stand zunächst der scharfe Kontrast zwischen der philosophischen Ausbildung Bruens und dem eher proletarischen Habitus seines Helden im Mittelpunkt. Der schmale, hochgewachsene Brillenträger lächelte die Differenz als locker vereinbar schlicht weg.
Über Metaphysik habe er damals gearbeitet aus genau dem gleichen Grund, aus dem er später zum Schriftsteller wurde. Es sei aus unbezähmbarer Neugier auf die Welt geschehen.
Wieso hat sein Serienheld so drogensüchtige Verhaltensweisen? Die Welt und das Leben in Irland hätten sich seit dem wirtschaftlichen Aufstieg zum "Keltischen Tiger" enorm verändert. Die Solidarität der Menschen habe sehr abgenommen.
Die Lebenshaltungskosten und die amoralischen Verhaltensweisen seien seither gleichermaßen stark gestiegen. Vom Lebensgefühl in diesem neuartigen Irland reflektieren seine Bücher ein Spiegelbild.
Bisher sind in der englischen Originalausgabe neun Bände mit Jack Taylor erschienen. Alle spielen überwiegend in Bruens Lebensmittelpunkt und Heimatstadt Galway.
Bietet diese Mittelstadt mit ähnlicher Bevölkerungszahl wie Marburg Stoff für unendlich viele Romane? Bruen meinte: "aber klar". Die mit dem eingezogenen Reichtum gewandelte Moral, die Rolle der katholischen Kirche, die sozialen Verwerfungen böten reiche Nahrung für seine Romane.
Ein Abzeichen an seinem Jackett steht ebenso wie bestimmte Handlungsstränge in seinen Romanen für Behindertenfreundlichkeit. Bruen und seine Frau haben selber eine geistig behinderte Tochter. Nachdrücklich lobte er das blindenfreundliche Modell-Konzept Marburgs.
Der schon mal von der Literaturkritik als "Duke of Hard-Boiled Crime Noir" bezeichnete Bruen lachte gerne. Er gab bereitwillig - manchmal auch ausweichende - Antworten.
Selbstbewusst wünscht er sich, in Deutschland ähnlich populär zu werden, wie er es in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Irland bereits ist. Da ihn ab nächsten Jahr im Herbst das Fernsehen darin unterstützen wird, stehen die Chancen dafür gut. Dass Bruens Verlag als Übersetzer Harry Rowohlt bekommen hat, wird auch dazu beitragen.
Jürgen Neitzel
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