15.08.2010 (mhe)
Die Regelungen der
Deutschen Bahn AG (DBAG) für einen optimalen Zugang zu allen Bahngleisen am Hauptbahnhof waren am Samstag (14. August) Anlass für eine Protestaktion direkt vor Ort. Dazu aufgerufen hatte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und einige Privatpersonen.
In den Augen vieler Marburger sind die Zugangsmöglichkeiten derzeit unzureichend. Vor allem Behinderte und Radfahrer kämen oft nicht zum Zuge.
Thematisch eng verknüpft mit dem aktuellen Anliegen war ein bereits Ende Mai geführtes Gespräch zwischen Vertretern des Magistrats der
Stadt Marburg, der DBAG und dem
Verein zur Förderung der Integration Behinderter (FIB). Hier einigte man sich bereits mündlich über die grundsätzliche Notwendigkeit einer zeitlichen Ausweitung der Ein- und Umstiegshilfen. Demzufolge soll das Personal werktags und samstags bis mindestens 23 Uhr und sonntags bis 24 Uhr bereitstehen.
Bei angenehm sommerlichen Temperaturen waren dem Aufruf der Initiatoren ungefähr 50 Interessierte gefolgt. Personen im Rollstuhl, Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer, ältere Menschen sowie Eltern mit ihren Kindern bevölkerten das Gleis 1.
Von Anfang an glich die Veranstaltung einer großen Diskussionsplattform, auf der teilweise sehr erhitzt debattiert wurde. Als besonders unzumutbar formulierten die Anwesenden gegenüber dem - für Mittelhessen zuständigen - Bahnhofs-Manager Roland Meuschke die eingeschränkte und unflexible Handhabung der Gleisüberquerung.
Großes Unverständnis herrscht dabei insbesondere hinsichtlich des seit nun mehr als eineinhalb Jahren geltenden Verbots, die Eisenbahnschienen selbständig zu überqueren, auch wenn das in Absprache mit dem Stellwerk über Rufsäulen geschah. Der Übergang ist seither durch eine abgeschlossene Schranke abgesichert, die nur das Service-Personal der Bahn öffnen kann. Erschwerend kommt noch hinzu, dass auf der gegenüberliegenden Seite aus Richtung des Ortenbergstegs die Bahnsteige bisher nur über Treppen erreichbar sind.
"Ich bin Privatperson und fahre aus geschäftlichen Gründen häufig mit der Bahn", erklärte Liviana Holland-Wagner. "Die Einschränkungen, die ich im Geschäftsleben als Rollstuhlfahrerin zum Glück mittlerweile überwunden habe, werden mir jetzt von der Deutschen Bahn zugemutet.
Besonders ärgerlich sei, dass der Service nicht nur eingeschränkt, sondern auch so unflexibel angeboten werde. "Jede nicht behinderte Person kann sich einfach überlegen, ob sie oder er spontan mit dem Zug fährt", stellte Naxina Wienstroer fest. "Aber wir als Behinderte müssen uns abends vorher anmelden, obwohl wir vielleicht noch gar nicht wissen, ob wir am nächsten Tag überhaupt fahren wollen.“
Ebenfalls unakzeptabel findet der verkehrspolitische Sprecher des ADFC-Kreisverbands Marburg die Bedingungen für radfahrende Reisende. Wolfgang Schuch findet es "dauerhaft unzumutbar und auch gefährlich, wenn Radfahrerinnen und Radfahrer ihre Räder samt schweren Gepäcks und Satteltaschen über die Treppenaufgänge zu den Gleisen schleppen müssen.“
Warum man die Lautsprecherfunktion nicht einfach an eine - sich nach Bedarf öffnende und wieder schließende - Schranke koppeln könne, war deshalb die einhellige und zugleich auch eindringliche Frage an den Vertreter der Deutschen Bahn. Meuschke verteidigte die gegenwärtige Lösung des Gleisübergangs mit allgemeinen Sicherheitsbedenken.
Außerdem sei für die Regelung der Übergänge sowie für technische Neuerungen das Eisenbahn- Bundesamt zuständig. Er selbst sei allein völlig handlungsunfähig.
Meuschke erklärte sich aber bereit, dem Eisenbahn-Bundesamt die Anliegen der Stadt Marburg und ihrer Bürgerinnen und Bürger vorzutragen. Außerdem regte er ein gemeinsames Gespräch aller Interessen-Gruppen an.
Oberbürgermeister Egon Vaupel bat Meuschke im Hinblick auf die am Montag (16. August) beginnenden - und auf insgesamt zwei Jahre anberaumten - Baumaßnahmen am Hauptbahnhof um eine rasche vertragstaugliche Vereinbarung für die Gewährleistung einer adäquaten und annehmbaren Nutzung des Gleisübergangs. Bürgermeister Dr. Franz Kahle unterstrich in diesem Zusammenhang, dass man trotz geplanter Aufzüge aus Richtung des Ortenbergstegs auch die technische Anfälligkeit von Fahrstühlen bedenken müsse.
Es habe in Marburg schon Fälle gegeben, in denen Rollstuhlfahrer aus defekten Aufzügen getragen werden mussten. So wäre es angebracht, im Fall eines technischen Versagens der Fahrstühle - auch unabhängig von aufwendigen Hilfsmitteln - Alternativen zum Erreichen der Gleise zur Verfügung zu haben.
"Man redet heute vom „Universal-Design“, ergänzte FIB-Geschäftsführer Wolfgang Urban. Gemeint sei damit, dass "die öffentliche Infrastruktur für alle Menschen – egal unter welchen Bedingungen – nutzbar sein soll. Wenn ein Rollstuhlfahrer von bestimmten Baumaßnahmen oder Umbauten profitiere, könne das beispielsweise auch Eltern mit Kinderwagen oder älteren Menschen nutzen.
Mireille Henne
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