09.08.2010 (fjh)
Sie war stets streitbar, aber nie streitsüchtig. Einfach gemacht hat sie es ihrer Partei nicht gerade. Doch sie war wohl die beliebteste politische Persönlichkeit Marburgs.
Käte Dinnebier ist am Sonntag (8. August) im Diakonie-Krankenhaus Wehrda gestorben. Zeit und Ort der Begräbnisfeier stehen noch nicht fest.
Fest steht jedoch, dass Dinnebier zumindest in Marburg bleibende Spuren hinterlassen hat. Zuletzt hatte die 79-jährige Frauenrechtlerin die Senioren-Arbeit des
Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) im
Landkreis Marburg-Biedenkopf koordiniert.
Bis zu ihrer Verrentung im Jahr 1990 war sie die Vorsitzende des DGB-Kreises Marburg gewesen. Als erste weibliche DGB-Kreisvorsitzende in Hessen hat sie sich über Jahrzehnte hinweg vor allem für die Gleichstellung von Frauen im Berufsleben eingesetzt.
Aber ihr politisches und soziales Engagement ging weit über den Kampf für gerechtere Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern hinaus. Der aktive Einsatz für Frieden und Völkerverständigung war ebenso ein Bestandteil ihrer umfassenden Sicht auf die Lebensbedingungen der Menschen wie ihre jahrzehntelange kommunalpolitische Arbeit in der SPD.
Bei der Kommunalwahl 2001 schnellte Dinnebier vom aussichtslosen Platz 46 der Wahlliste
um 30 Plätze nach oben. Damit war sie diejenige Kandidatin, die von den Listen aller hessischen Kommunen durch das Kumulieren von Stimmen am weitesten nach oben gewählt wurde. Nur durch diese deutliche Umsetzung des gesammelten Respekts der Stimmberechtigten vor ihrer jahrzehntelangen Arbeit rückte Dinnebier überhaupt in die Stadtverordnetenversammlung (StVV) ein.
Aus ihrer Kritik an bundespolitischen Entscheidungen ihrer Partei machte die Sozialdemokratin indes kein Hehl. Ihre Überzeugungen waren ihr wichtiger als die Parteidisziplin.
Schließlich entsandte die SPD die Seniorin in den Ehrenamtlichen Magistrat. Damit nutzte sie das hohe Ansehen, dass Dinnebier in der Bevölkerung genoss.
Ihre bundesweite Bekanntheit in den Gewerkschaften verdankte Dinnebier dem geradlinigen Kampf für ihre Grundhaltungen. Zumindest in Hessen war sie die erste Gewerkschafterin, die Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag am 8. März organisierte.
Als Hilfsarbeiterin hatte sie mit 14 Jahren bei der Strumpf-Fabrik angefangen. Schnell trat sie dort der Gewerkschaft bei.
Über die Arbeit im Betriebsrat "rutschte" sie bald immer tiefer in die gewerkschaftliche Verantwortung hinein. Als zweite Frau in Deutschland wurde sie 1974 schließlich Vorsitzende eines DGB-Kreises.
Für herausragende Verdienste um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben hat die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes im Jahr 2007 auch das
Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte erhalten. Diese Auszeichnung nahm sie als Verpflichtung, ihr Engagement trotz ihres Alters weiterhin ungeschmälert fortzuführen.
Nach einer Krebserkrankung betätigte sie sich in einer Selbsthilfegruppe von Frauen mit Krebs. In ihrem Stadtteil Richtsberg setzte sie sich für die soziale Infrastruktur vor allem zugunsten benachteiligter Kinder und Zuwanderer sowie für Senioren ein.
Ein weiteres Herzensanliegen war der gebürtigen Kirchhainerin der Kampf gegen Faschismus. Bei der Ankündigung des Jahresprogramms der DGB-Senioren erinnerte sie sich am Dienstag (19. Januar) an die Pogromnacht am 9. November 1938: "Wir haben damals in Kirchhain gegenüber von der Synagoge gewohnt. Es war furchtbar, das mit ansehen zu müssen!"
Franz-Josef Hanke
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