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Neuer Ehrenbürger


Vom Hilfsarbeiter zum Vorstandsvorsitzenden

05.04.2008 (fjh)
Marburg hat einen neuen Ehrenbürger: Zu seinem 80. Geburtstag ehrte die Stadt Marburg den langjährigen Behring-Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Dr. Hans-Gerhard Schwick mit dieser Auszeichnung. Der Jubilar erhielt sie am Samstag (5. April) bei einer Feierstunde im Hörsaal der Behringwerke.
"Sie sind nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden", resümierte Prof. Dr. Matthias Rothmund. "Sie haben sich alles, was sie erreicht haben, hart erarbeitet."
Mit diesen Worten fasste der Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität die ungewöhnliche Lebensgeschichte des Jubilars kurz zusammen. Im Alter von 14 Jahren war Schwick 1942 als Chemie-Hilfswerker in die Behringwerke eingetreten. 50 Jahre später ging er als deren Vorstandsvorsitzender in Rente.
Neben seiner täglichen Arbeit hatte er sich weitergebildet und eine Prüfung für die Zulassung zum Studium abgelegt. An der Philipps-Universität erwarb er seine Promotion und später dann auch die Habilitation. Hinzu kommt auch noch die Ehrendoktor-Würde, die ihm die Universität in Anerkennung seiner Verdienste um die Verknüpfung universitärer und industrieller Forschung verliehen hat.
Schon als Lehrling war Schwick in die Gewerkschaft eingetreten. Zeitweilig war er sogar Vorsitzender der Gewerkschaftsjugend.
Diese Verbindung zur "Basis" - wie Oberbürgermeister Egon Vaupel es ausdrückte - prägte seinen Führungsstil. Ihm sei immer wichtig gewesen, dass die Beschäftigten im Unternehmen sich nicht als Konkurrenten verstünden, sondern gemeinsam an einem Strang zögen.
In seinem Festvortrag über die Zukunft der Immunologie wies Prof. Dr. Hermann Wagner von der Technischen Universität München auf die riesige Lücke hin, die der nationalsozialistische Rassenwahn in die Reihen der deutschen Forscher gerissen hatte. Allein in Heidelberg sei fast die Hälfte des wissenschaftlichen Personals entweder emigriert oder ermordet worden.
Vor allem diesem Umstand verdankte Schwick die Chance, als Lehrling auch Arbeiten erledigen zu dürfen, die heutzutage nur noch Hochschul-Absolventen erledigen. Sein Vorgesetzter und Förderer Schulze habe seine Mitarbeiter "immer an der langen Leine" gelassen, berichtete Schwick. Er habe auch Versuche unternehmen dürfen, die dem Unternehmen keinen direkten Nutzen versprachen.
Dieser Haltung seines Vorgesetzten, eigenem Fleiß und nicht zuletzt auch einem Quentchen Glück verdankte Schwick seine Bilderbuch-Karriere vom Hilfsarbeiter zum Vorstandsvorsitzenden. Vor allem seien es Schwicks Tatkraft und sein Optimismus gewesen, die ihn so erfolgreich gemacht hätten, meinte der Oberbürgermeister. "Ich schaffe es", sei sein Leitspruch gewesen.
Vaupel wies aber auch auf Schwicks soziales Engagement hin. So habe er schon früh auf familienfreundliche Arbeitsbedingungen in seinem Unternehmen geachtet.
Selbstverständlich waren für den Gewerkschafter im Chefsessel auch regelmäßige Sprechstunden in allen Abteilungen seiner Firma. Langweilige Sitzungen habe er mitunter auch schon einmal dadurch aufgelockert, dass plötzlich ein Spielzeugauto über den Tisch fuhr.
Unter Schwicks Leitung hat sich die Belegschaft der Behringwerke auf 3.200 vervierfacht. Heute arbeiten in den 19 verschiedenen Unternehmen am Standort Marburg sogar 4.200 Menschen.
Normalerweise sei es schwierig, sie alle unter einen Hut zu bekommen, klagte Christoph Jansen. Doch für die Geburtstagsfeier seien alle sofort bereitwillig eingesprungen. Darin sieht der Geschäftsführende Gesellschafter des Standort-Betreibers Infraserve einen Ausdruck der Wertschätzung, die Schwick auch 16 Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst am Standort immer noch genieße.
Rothmund erinnerte sich an zahlreiche gemeinsame Aktivitäten im wissenschaftlichen Bereich und bei gemeinsamen Urlauben im Graubündner Land. Besonders beeindruckt habe Schwick ihn aber als begnadeter Feuerwerker, gestand er. Schwick habe ein gigantisches Feuerwerk gezündet, das wie ein Konzert nacheinander in unterschiedlichsten Farben und Formen aufging.
Passend dazu brachten Helfer nach dem Ende der Reden eine riesige Geburtstagstorte in den Saal, auf der zahlreiche Wunderkerzen leuchteten. Mit der zurückhaltenden Hilfe seiner Frau schnitt der Jubilar sie vorsichtig an.
Zuvor hatte er noch eine Frage des Oberbürgermeisters beantwortet, der eine persönliche Verbindung zwischen Schwick und dem Marburger Ehrenbürger Prof. dr. Carl Banzer ausgemacht hatte.
Im Historischen Saal des Marburger Rathauses hängt ein Gemälde Banzers, das den "Kreis des Lebens" darstellt. Darauf ist eine junge Frau mit einem kleinen Kind zu sehen. Für das 1930 fertiggestellte Gemälde hatte der kleine Gerhard Schwick Modell gelegen.
"Meine Mutter war mit mir am Lahnufer unterwegs, als Banzer sie ansprach und fragte, ob er mich malen dürfe", berichtete Schwick. Und so ziert nun das Gemälde eines Marburger Ehrenbürgers den Rathaussaal mit dem Bild eines anderen Ehrenbürgers.
Franz-Josef Hanke
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