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Alice im Wunderland


In Kafkas Fußstapfen in Rio

03.04.2008 (jnl)
Der Kafka von heute ist eine Frau. Im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) las am Mittwoch (2. April) die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan aus ihrem Roman "Die Stadt mit der roten Pelerine".
Mit ihrer Biografie und ihrem Werk steht die 41-Jährige für eine neue Generation unabhängiger Frauen in der Türkei. Rund 50 Leute waren der Einladung des Vereins Strömungen gefolgt, eine der spannendsten literarischen Neuerscheinungen kennenzulernen.
Die Istanbulerin gibt den Fremdheits- und Bedrohungs-Erfahrungen der Bewohner der globalisierten Gegenwart eine scharfsichtige und zugleich poetische Stimme. Ihre Lesung war zugleich der Auftakt einer Reihe zum Gastland Türkei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.
Erdogan entstammt einer linksbürgerlichen Familie, die ihrer Tochter eine gute Ausbildung als Informatikerin in den USA gegeben hat. Die Türkin war dabei so erfolgreich, dass sie zwei Jahre am Genfer Nuklear-Forschungszentrum CERN arbeitete. Aber die kalte menschliche Atmosphäre dort führte sie 1994 zum Bruch mit ihrer naturwissenschaftlichen Karriere und zum Schriftstellerberuf.
Ihr neu in deutscher Übersetzung herausgekommenes Buch handelt von der Selbsterfahrung einer jungen Frau in einem Umfeld der Gewalttätigkeit und Armut. Der Spielort der Handlung ist vordergründig Rio de Janeiro. Aber die dunkle Atmosphäre und Misere des ungeschützten Lebens der Armen und Künstler könnte vergleichbar auch in der Türkei oder anderswo erlebbar sein.
Erdogan hat keinen naturalistischen Erlebnisbericht über sichtbares Elend, Drogen und Kriminalität in der brasilianischen Mega-City Rio geschrieben. Stattdessen hat die Autorin das Erlebte im Blick nach innen aus der Fremdheit der Ausländerin heraus literarisch zu bannen versucht.
In dieser Perspektive hat sie die über einen Zeitraum von zwei Jahren als teilnehmende Beobachterin in Rio gewonnenen Eindrücke verarbeitet.
Die auch in der türkischen Originalausgabe titelgebende rote Pelerine ist ein Sprachbild. Die Metapher des Umhangs steht für das Sich-Einhüllen in das Schreiben als Bewältigungsstrategie, erfuhren die Zuhörer im Gespräch mit der Autorin.
Das Buch entstand nicht in Rio, sondern viel später, als die Autorin wieder in Istanbul lebte.
Die "rote Pelerine" ist der Titel eines Buchs im Buch. So labyrintisch wie "Das Schloss" von Franz Kafka und ähnlich geheimnisvoll, gewaltsam und mythisch wird man mit dem Leben am inneren Rand der Welt konfrontiert. Die dichte, poetische Sprache macht das Lese-Erlebnis ebenso bedrohlich wie verlockend.
Die Roman-Heldin Özgür ist ein literarisch gelungener Schlüssel für eine Erfahrung, die man sonst nur existentiell mit allen realen Gefahren im Auslands-Exil erleben könnte. Der türkische Name Özgür bedeutet "Freiheit" und wurde in der Vergangenheit meist Söhnen gegeben. Seit etlichen Jahren bekommen vermehrt auch Töchter den Namen Özgür, der dann "die Freie, die Unabhängige" bedeutet.
Der Lese-Ausflug ging in das Labyrinth einer ebenso faszinierenden wie bedrohlichen Stadt und die Abgründe der menschlichen Seele.
Besonders dem herausragenden Können des anwesenden Übersetzers Recai Hallac war es zu verdanken, dass das Publikum einen sehr intensiven Eindruck von dem Roman erhielt. Peter Handkes "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" von 1969 hat mit Erdogans Roman einen hochklassigen literarischen Nachfolger gefunden.
Jürgen Neitzel
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