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Stark gewachsen


1. Mai für mehr Soziale Gerechtigkeit

02.05.2010 (fjh)
"So viele waren wir hier noch nie", stellte Dr. Ulf Immelt am Samstag (1. Mai) auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz erfreut fest. Dort veranstaltete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) auch in diesem Jahr wieder die Abschlusskundgebung zum 1. Mai.
Begonnen hatten die Manifestationen zum traditionellen "Tag der Arbeit" vor dem DGB-Büro an der Bahnhofstraße. Von dort zogen etwa 300 Demonstrierende zur Schlecker-Filiale an der Elisabethstraße, wo eine Zwischenkundgebung stattfand.
Unter lautem Protest der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter berichtete Immelt von den arbeitnehmerfeindlichen Praktiken der Drogerie-Kette. Sie schloss Filialen und entließ ihre Beschäftigten, um an gleicher Stelle von einer rechtlich anderen Firma "neue" Filialen zu eröffnen. Die früheren Mitarbeiter erhielten neue Verträge zu schlechteren Bedingungen.
Während der neu anlaufenden Probezeit wurden einige gekündigt. Ohne diese Vorgehensweise wäre Schlecker seine missliebigen und gewerkschaftlich aktiven Mitarbeiter wohl kaum losgeworden.
Von der Drogerie aus zog der Zug zum Marktplatz. Vor dem Rathaus wandte sich der Marburger DGB-Ortsvorsitzende Pit Metz an die Menge, die inzwischen deutlich angeschwollen war.
Der Betriebsrat bei der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) berichtete von einem Fall, den er aus dem Marburger Umland erfahren hatte. Ein Betrieb hatte einen Mitarbeiter wegen "Arbeitsmangels" gekündigt. Das KreisJobCenter (KJC) hatte den Erwerbslosen danach aufgefordert, sich bei einer Leiharbeits-Firma zu bewerben.
Eingesetzt wurde er schließlich bei genau der Firma, die ihn zuvor wegen angeblichen "Arbeitsmangels" entlassen hatte. Als der Mann sich der Beschäftigung dort verweigern wollte, drohte das KJC ihm einschneidende Sanktionen an.
Neben diesem Fall kritisierte Metz die Milliarden-Stütze der Regierung für die Banken. Außerdem prangerte er die fehlende Regulierung dieses Sektors an.
Vehement trat Metz für den Sozialstaat ein. Ginge es nach dem FDP-Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle, würde davon fast nichts übrig bleiben.
"Westerwelle sollte mal vier Monate bei MacDonalds hinter der Theke stehen", forderte Metz unter dem Beifall der Anwesenden. "Dann wüsste er, wie wichtig der Sozialstaat ist."
Nach dieser Rede liefen die Demonstrierenden weiter zum Elisabeth-Blochmann-Platz bei der Mensa. Inzwischen war ihre Zahl auf rund 1.500 Menschen angestiegen, sodass die Fläche absolut voll war.
Von einer improvisierten Tribüne aus wandte sich die SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti an die Gäste. Zur Begrüßung wies Immelt darauf hin, dass eine der vier SPD-Landtagsabgeordneten, die Ypsilanti ihre Stimme bei der Wahl zur Hessischen Ministerpräsidentin verweigert hatten, aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf kam.
Mit deutlichen Worten geißelte Ypsilanti den Sozialabbau und die Pläne der Bundesregierung zur Krankenversicherung. Die geplante "Kopfpauschale" werde bestimmt noch mehr Menschen in Armut stürzen als jetzt schon die bisherige unsoziale Politik.
Auch Ypsilanti forderte eine strenge Regulierung der Finanzwirtschaft. Wirtschaft müsse allen Menschen dienen und nicht den Profiten weniger.
"Wenn überhaupt Rating-Agenturen, dann gehören sie in staatliche Hand", forderte Ypsilanti mit Blick auf den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die Rolle der Rating-Agenturen bei der Herabstufung der griechischen Kreditwürdigkeit. Auch nahm sie die griechische Bevölkerung gegen Vorwürfe in Schutz, sie sei faul und führe ein Luxus-Leben.
"Der Durchnittsverdienst in Griechenland beträgt 700 Euro im Monat", sagte Ypsilanti. Wer das als "Luxus" beschimpfe, der betreibe eine unseriöse Hetzkampagne.
Mit minutenlang anhaltendem Applaus quittierten die Anwesenden die Rede der Frankfurter Politikerin. Die anschließende Rede eines Vertreters des "Marburger Widerstandsbündnisses" ging dann in erregten Debatten über Ypsilantis Aussagen unter.
Eingerahmt wurden die Reden durch musikalische Beiträge der lateinamerikanischen Gruppe "SubTerra" und des Chors "Politöne". An diesem Tag konnte er sein 30-jähriges Bestehen feiern, denn unter dem Namen "Chor Marburger Gewerkschafer" war er am 1.Mai 1980 auf dem Marktplatz zum ersten Mal öffentlich aufgetreten.
Mit ihrer Rede hatte Ypsilanti das Herz der meisten Anwesenden getroffen. "Keine Politikerin ist so fertiggemacht worden wie Andrea", sagte eine sozialdemokratische Teilnehmerin der Maikundgebung erbittert. Am Nachmittag des 1. Mai 2010 jedoch erhielt sie wenigstens ein wenig Genugtuung für die erlittene Hetze.
Franz-Josef Hanke
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