Logo: marburgnewsMobile Marburgnews

Zum Menü

Vier auf der Flucht


Sachbuch als Psychogramm einer Verwerfung

24.03.2010 (jnl)
In einer Buchvorstellung am Dienstag (23. März) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) ging es um das im August 2009 erschienene Sachbuch "Die Vier". Der Journalist Volker Zastrow von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hat es geschrieben.
Das Buch handelt von der größten politischen Verwerfung der jüngsten Vergangenheit in Hessen. Vier Abweichler in der eigenen Partei hatten im November 2008 der SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti ihre Stimme bei der Wahl zur Ministerpräsidentin verweigert.
Eher selten schaffen es explizit politische Publizisten, von der Kulturellen Aktion Marburg - Strömungen zu einer Autorenlesung eingeladen zu werden. Nun ist die öffentliche Erregung über die Geschehnisse von vor mehr als einem Jahr zwar sehr abgeflaut; dennoch wird dem von vielen Rezensenten hoch gelobten Sachbuch "Die Vier" nach wie vor Aufmerksamkeit gezollt.
Es gilt als herausragend. Rezensenten attestieren ihm literarische Qualitäten.
Die Veranstaltung, die Volker Zastrow im Gespräch mit dem Ex-Grünen-Landesvorsitzenden Hubert Kleinert zeigte, fand mit rund 40 Besuchern mittelmäßigen Zuspruch. Eröffnet wurde sie durch eine knapp zehnminütige Lesung des Autors aus dem spannenden Schlusskapitel.
"Medias in res" - mitten hinein - in die dunkelste der im Buch aufgeworfenen Fragen führte diese klug ausgewählte Passage in die Frage nach der moralischen Qualität der damaligen Handlungen. Ein Telefonat von Carmen Ewerts mit Silke Tesch führte einige Tage vor dem Termin der Landtagsabstimmung zu einem Treffen der beiden mit Gerhard Bökel. Er war der SPD-Kandidat zur Landtagswahl 2003 gewesen.
Zastrow analysierte aus seinen umfangreichen Recherchen, dass Ewerts den als rechten SPD-Genossen bekannten Bökel gebraucht hatte, um ihre bevorstehende Selbstrechtfertigung vor der Öffentlichkeit zunächst zu erproben. Tatsächlich hat später ihr Auftritt auf der Pressekonferenz der Vier, nachdem Ypsilantis Wahl geplatzt war, besonders professionell und klar ausgerichtet gewirkt.
Kleinert betonte zu Beginn, dass er vor der Lektüre von "Die Vier" Zweifel gehabt habe, ob überhaupt Neues für ihn darin zu finden wäre. Er sei überaus angenehm überrascht gewesen, dass das Buch "geradezu literarische Qualität" entwickelt habe. Mit seiner gebändigten Detailfülle und der Tiefe seiner Charakterzeichnungen sei es zweifellos "eine Glanzleistung des politischen Journalismus".
Wie kam Zastrow auf die Idee zu diesem Buch? Es sei anfangs gar kein Buch intendiert gewesen, erläuterte der Autor. Um das reiche Material zu verarbeiten, sei zunächst ein kleines Buch zum März 2009 angepeilt worden. Seine umfangreichen Recherchen seien dann aber so intensiv verlaufen, dass das Ganze den doppelten Seitenumfang annahm als geplant. Erst ein Vierteljahr später kam das Buch dann heraus.
Auch die vier Abweichler selber hatten übrigens ein Buchprojekt ins Auge gefasst, um die öffentliche Rechtfertigung ihres Handelns darin zu bündeln. Hierin fußte denn auch die Bereitschaft der umstrittenen Akteure, sich über viele Stunden zeitaufwändig auf mitgeschnittene, von ihnen autorisierte Interviews mit Zastrow einzulassen.
Wieso sei Zastrow so ungewöhnlich tief in die Biographien der SPD-Abtrünnigen eingetaucht, wollte Kleinert erfahren. Keineswegs ungewöhnlich sei das, fand das sein Gegenüber. Das ergebe sich wie von selbst aus dem intensiven Durcharbeiten der Interviews, um die Charaktere der Handelnden zu begreifen.
"Wie haben Sie das gemacht?", fragte Kleinert, den die Detailtiefe der analytischen Schilderung der Vorgänge verblüfft hat. Alle Darstellungen beruhten auf Recherchen, die - soweit möglich - gegengecheckt wurden, erläuterte Zastrow.
Die "Psychogramme" der Akteure entstammten vollständig aus überprüften Selbstauskünften, die in Stunden von Interviewsitzungen von ihm eingeholt wurden. Entstanden sei ein "Materialberg aus autorisierten Interviews", die durch ihn eben gründlich ausgewertet worden seien, setzte der gelernte Historiker Zastrow hinzu.
In der Wahrnehmung von Kleinert kamen zwei der vier Protagonisten - Dagmar Metzger und Silke Tesch - sehr positiv weg. Carmen Ewerts und Jürgen Walter sowie viele Nebengestalten hingegen habe der Autor ausgesprochen negativ bewertet.
Dabei schriebe Zastrow diese Wertungen nicht explizit aus, sondern suggeriere unterschwellig - aber damit umso wirkungsvoller - durch die Indikation der Details, wie die Akteure einzunorden seien. Sei denn das fair, fragte Kleinert.
"Tja", meinte Zastrow, wenn der versierte Jurist Walter irgendwelche angreifbaren Darstellungen im Text gefunden hätte, wäre wohl ein Prozess von ihm angestrengt worden. Da das nun aber nicht der Fall war, müssen die geschilderten Fakten wohl wasserdicht gewesen sein. Mehr als eine kleine Pressekonferenz habe es nach Erscheinen seines Buches seitens der Viere nicht gegeben.
Im folgenden verlor sich der Fachhochschul-Politologie-Professor Kleinert in wortreiche eigene Einschätzungen zur Lage der SPD damals und heute. Erst als ein Vertreter des veranstaltenden Vereins Strömungen endlich die Publikums-Fragerunde ankündigte, kehrte er mit einer letzten Frage aus seinen Abschweifungen zum Thema zurück.
Leider machte der äußerst zurückhaltend agierende Zastrow alles mit. Offenbar störte ihn nicht einmal, dass Kleinert locker dreiviertel der Redeanteile für sich beanspruchte.
Gegen Ende der Veranstaltung wurde es noch einmal spannend. Zastrow merkte an, dass an einer Stelle die Recherche auf die Kippe geriet, weil er erkannte, dass er von Ewerts und Walter offenkundig belogen worden war.
Er belegte das mit Indizien wie etwa dreier von den Interview-Partnern ausgelassene Termine bei einem akribischen Durchgehen des Kalenders. Offenbar sollte Anstößiges verborgen werden.
Die beiden Polit-Intriganten, die offenbar gewohnt waren, mit Journalisten "Deals" schließen zu können und so davonzukommen, hatten sich mit dieser Erwartung bei ihm allerdings verkalkuliert.
Der 51-jährige Zastrow zog das Fazit: "Der Grad an Abgewichstheit in der Politik war schlimmer, als ich geglaubt hätte."
Jürgen Neitzel
Text 3602 groß anzeigen

www.marburgnews.de

© 2017 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg