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Lustvolle Listen


Theaterstück über die Allgegenwart von Aufgaben

20.03.2010 (jnl)
In den westlichen Gesellschaften bringt man mit To-do-Listen Ordnung in die schier unüberschaubare Vielfalt von Aufgaben. Die Theaterregisseurin Heike Scharpff hat daraus ein Stück gemacht.
In ihm finden die Mitglieder des Mittelstands ihre Alltagspraxis vorzüglich gespiegelt. Am Freitag (19. März) feierte es beim German Stage Service im Theater im Afföller Premiere seiner Revisited-Fassung.
Die neue Version des Stücks ist gegenüber ihrem Vorgänger von 2006 deutlich verschärft. Die Strategien und Konflikte der beiden Protagonisten sind härter konturiert und ironischer grundiert. Nebenbei werden die aus Aufrufen an das Publikum stammenden 87 To-do-Listen nicht nur operativ auf die Leinwand geworfen und stimmlich rhythmisiert vertont sondern zudem in Vitrinen vor dem Theatersaal präsentiert.
Zu Beginn sitzen die beiden Schauspieler mitten im Publikum und kommentieren laut die rasch wechselnden Projektionen auf einer - ein Drittel der Spielfläche einnehmenden - Leinwand. Listen mit privaten wie beruflichen Notizen wechseln in schneller Folge.
So entsteht ein Sog, der die Darsteller alsbald auf die Bühne zieht und in zunehmend beschleunigte Bewegung treibt. Die beiden eilen in einem eliptischen Rundkurs um den Bühnenraum. Mal murmelnd - mal skandierend - memorierend schleudern sie die zu erledigenden Aufgaben in den Raum.
Untersucht wird sodann neben der Ästhetik der vielfältigen Listen die Bandbreite der emotionalen Taktiken, wie die Menschen damit umgehen. Zunächst werden die erfreulichen Seiten beleuchtet: die Möglichkeiten, anstehende Arbeiten aufzuteilen und das Glück der Kooperation auszukosten.
Denn nicht alles, was zu tun ist, muss man selber leisten, falls man verlässliche Partner hat. Das gilt beruflich wie privat. Es ist banal - und doch schön, solange es gelingt.
In die von Nicole Horny mit viel Verve ausgespielten Interaktionen mischten sich allmählich immer mehr Disharmonien und kritische Töne, die ihr Bühnenpartner Philipp Sebastian gezielt hineintrug. Er insistierte etwa laut, dass all die Mühen, der Ärger und die Angstgefühle hinter den Aufgaben-Listen so aufreizend unsichtbar bleiben.
Er fragte ins Publikum hinein: "Stehen auf Euren Listen auch so viele Banalitäten?" Oder: "Glaubt Ihr denn, dass sich alles irgendwie von selbst erledigt?" Eine weitere Frage lautete: "Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag?"
Horny versuchte, mit Sachinformation aus der Arbeitswissenschaft dagegenzuhalten: Aufgaben-Listen sind doch so nützlich, denn sie entlasten das Arbeitsgedächtnis. Wenn man etwas aufgeschrieben habe, könne man ruhiger schlafen, weil es ja festgehalten ist und nicht verlorengehen kann.
Es gibt auch einen veritablen Krankheitsbegriff für die Neigung zum Aufschieben statt Erledigen der Arbeit. So etwas nennen die Psychologen "Prokrastination".
Beim szenischen Spielen des unruhigen Schlafs eines gestressten Listen-Abarbeiters nahm das Publikum wahr, dass das mit dem sorglosen Schlaf leider häufig nicht stimmt. Mittels eines unangenehm knarzenden und mehrfach laut und plötzlich hereinbrechenden Farbrik-Signaltons wurden die beiden Darsteller immer mal wieder zur Wiederaufnahme der Arbeit aufgefordert. Dann nahmen sie die geduckten Startpositionen von Rennläufern ein und spurteten los zu einem kurzen Sprint unter der Leinwand hindurch.
Als die Steigerung des Tempos und der Missklänge zunahm, entlud der männliche Darsteller die aufgestaute Wut und Unzufriedenheit mit einem mal in einem furiosen Ausbruch. Sowohl verbal als auch handfest handelnd, in dem er die Leinwand herunterrupfte, machte er sich grandios Luft. Es war eine reine Freude, ihm dabei zuzusehen.
Sebastian nahm die Leinwand und schuf sich daraus mit ein paar Eimern Wassers, Sandsäcken und ein paar Spielzeugen einen Teich. So entstand eine tagträumerische Idylle des Dauer-Ausruhens am und im Wasser.
Genüsslich wälzte sich der Darsteller in seiner Badehose im seichten Wasser seiner Imagination von der Befreiung von aller Arbeit. Die tolle Bühnenpräsenz des Schauspielers und die von ihm erzeugte Schaulust gewann ihm die Sympathie der Zuschauer. Dabei wussten sie doch vom Verstand her von der Nicht-Tragfähigkeit seines Trugschlusses.
Horny, die mit dem Dauerstress der verdichteten Arbeit besser zurechtgekommen war, nahm dann mit dem Realitätsflüchtigen Kontakt auf. Er brachte ihr - denn großzügig ist er ja angelegt - das Schwimmen bei.
Während sie erneut interagierten, begann er mit einem mal, eine neue eigene Liste aufzustellen. Schließlich musste die Eroberung des Wassers von ihm ja durch Verbesserung seiner Taucher-Fähigkeiten und diverse Anschaffungen zügig konsolidiert werden.
Der Bogen schloß sich, indem das Arbeitslisten-Erstellen am Ende dem am Anfang gleicht. Die mögliche Lektion lautet also: Ausbrüche kommen vor, aber sie ändern nicht wirklich etwas.
Die Leistungen der beiden Schauspieler in puncto Bühnenpräsenz und Interaktion waren ein Fest der Sinne. Mit einem Minimum an Bühnenbild und Utensilien erzeugten sie reiche Spannung und Emotionen. Auch die Dramaturgie von Heike Scharpff war stimmig.
Der furiose Umschlags- und Höhepunkt des Stücks war der Ausbruch, dem Sebastian großartig Gestalt verlieh. Horny überzeugte durch eine tolle Ausstrahlung und enorme Beweglichkeit.
Eine große Theater-Geschichte wurde nicht erzählt. Das entsprach jedoch genau dem Anspruch des kleinen Stücks, nicht mehr als eine Performance über Phänomene des Arbeitsethos in der Gesellschaft zu bieten. Humor und komödiantische Unterhaltung kamen dabei nicht zu kurz.
Vielleicht könnten ein paar zusätzliche Einspielungen und Musikeinlagen wie "Und nun wird wieder in die Hände gespuckt" noch etwas mehr Tiefe, Komik und Verankerung hinzugeben. Andererseits sollte die Aufführung gar nicht deutlich länger als eine kurzweilige Stunde werden.
Weitere Aufführungen des Stücks sind im Theatersaal am Afföller am Fr., 26.03. / Sa., 27.03. / Fr., 09.04. / Sa., 10.04.2010 jeweils 20h30.
Jürgen Neitzel
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