07.03.2010 (chr)
Unter dem Motto "Theater und Schule" stand am Samstag (6. März) die offizielle Eröffnung der 15. Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche am
Hessischen Landestheater (HLTh). Die Hessische Kultusministerin Dorothea Henzler und Gerd Krämer
als Staatssekretär im
Ministerium für Wissenschaft und Kunst unterzeichneten die erste Rahmenvereinbarung zur Zusammenarbeit von Theatern und Schulen in Hessen.
Mitunterzeichner waren die Internationale Vereinigung der Kinder- und Jugendtheater (ASSITEJ), der Landesverband Professioneller Freier Theater in Hessen (LaProf) und der Landesverband Schultheater in Hessen. Die Vereinbarung legt fest, dass Schüler in Zukunft nicht nur ins Theater gehen, sondern es vor allem auch unmittelbar als Bestandteil des Unterrichts erleben sollen.
Den Unterricht auf die Bühne brachte anschließend das Berliner
Theater Strahl. Im vollbesetzten Theater am Schwanhof (TaSch 1) zeigte es sein Stück "Klasse Klasse".
In einer bunten Szenen-Collage ließ das Ensemble typische Figuren und Momente des Schul-Alltags lebendig werden. Eindrucksvoll war dabei vor allem die Spieltechnik.
Alle Figuren tragen unterschiedliche Masken. Sie verzichten ganz auf Sprache und Mimik. Allein durch ihre Gestik und ihr Auftreten drücken die Mitwirkenden alles aus, was sie zu sagen haben.
Das reichte, um jedem im Raum die eigene Schulzeit buchstäblich vor Augen zu führen. Denn in jedem Klischee steckt ein Stück eigenes Erleben.
Der unscheinbare Sonderling ist in die blonde Diva verliebt. Die will nichts von ihm wissen, sondern schmeißt sich stattdessen dem bleichgesichtigen Gothik-Typen an den Hals.
Der Streber mit Brille und Mittelscheitel geht allen mit seiner Überkorrektheit auf die Nerven. Im hässlichen Entlein findet er allerdings eine heimliche Verbündete.
Vor den Zuschauern wurde das Klassengeschehen dadurch zu einer Art überdrehtem Stummfilm-Theater in Farbe. Ähnlich wie im Film entstand die wirkliche Atmosphäre dabei vor allem durch die Musik.
Die Musik konnte sich hier wirklich hören lassen. Am Mikrofon saß kein geringerer als Daniel Mandolini, seines Zeichens Deutscher Meister im Beatboxen.
Allein mit Zunge, Mund und Rachen erweckte Mandolini nicht nur eine ganze Rhythmus-Gruppe zum Leben, sondern steuerte zu jeder Szene die passenden Geräusche bei. Aus seinem Mund klang Vogelgezwitscher genauso echt wie das Quietschen der Kreide an der Tafel.
Die Kuss-Szene zwischen der Diva und ihrem Lover entfaltete erst durch die passenden Schlürf- und Schmatzlaute ihre ganze Komik. Da hielt es vor Lachen Jung und Alt gleichermaßen kaum noch auf den Sitzen.
Aber nicht nur die Schüler bekamen in dem geräuschvollen Slapstick ihr Fett weg. Auch verhasste Lehrer-Angewohnheiten mussten dran glauben.
Aus dem Schülerschreck mit unangekündigten Klassenarbeiten machte Mandolini eine perfekt imitierte Parodie des Bösewichts Darth Vader aus den "Star-Wars"-Filmen. Ihn musste man nicht einmal sehen, um die Bedrohung für die Schüler zu fühlen.
Erstaunlich war die Ausdruckskraft der eigentlich starren Masken. Sie schafften es, ihre Mimik allein vor das geistige Auge des Zuschauers zu transportieren.
Gleichzeitig sorgte das Spiel ohne Text allerdings auch dafür, dass sich nicht jede Szene gleich erschloss. Vor allem Mandolinis Untermahlung fürs Ohr machte dieses Defizit aber wieder wett.
Wer sich darauf einließ, für den entwickelte diese ungewöhnliche Inszenierung eine ganz eigene Coolness. Denn "Klasse Klasse" hat das, was bei vielen Momenten im wirklichen Leben fehlt: den passenden Soundtrack.
Christian Haas
Text 3530 groß anzeigenwww.marburgnews.de