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Domisch


Lehrer sollten alle das Gleiche verdienen

08.01.2008 (sts)
Rainer Domisch ist kein Polit-Profi. Der "Schatten-Kultusminister" für die hessische SPD drischt keine stumpfen Wahlkampf-Parolen, attackiert nicht den politischen Gegner und versucht sich auch nicht in Polemik und Spitzfindigkeiten. Unaufgeregt, fundiert und sachorientiert sprach sich Domisch am Montag (7. Januar) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) zum Thema "Kein Kind wird zurückgelassen" für eine neue Bildungspolitik in Hessen aus.
Das fehlende politische Kalkül könnte dem 62-jährigen Bildungsexperten aber auch noch zum Verhängnis werden.
Seit 1979 lebt der Deutsch- und Englischlehrer in Finnland. Seit 1994 arbeitet er beim dortigen Zentralamt für Unterrichtswesen.
Kaum jemand kennt das den Pisa-Studien zufolge weltweit beste Schulsystem genauer als er. Und dieses System will er nun auch in Hessen einführen.
Das finnische Prinzip des lebenslangen, gemeinschaftlichen und solidarischen Lernens ist äußerst erfolgreich: Weniger als 0,5 Prozent der Schüler beenden die Schule ohne Abschluss. Über 90 Prozent erhalten das Abiturzeugnis. In Deutschland verlässt jeder Zehnte die Schule ohne Abschluss. Die Abitur-Quote liegt hierzulande bei 35 Prozent.
Kernpunkt der Finnen ist die Idee der "Schule für Alle". Das im europäischen Ausland kaum noch zu rechtfertigende viergliedrige deutsche Schulsystem soll nach Domischs Willen nach und nach abgeschafft werden.
In Finnland lernen alle Kinder - auch geistig oder körperlich Behinderte - bis zur neunten Klasse gemeinsam. Von Seiten der Regierung werden nur Rahmenlehrpläne festgelegt. Die genaue Ausgestaltung obliegt den einzelnen Schulen.
Erst ab der achten Klasse müssen verbindlich Ziffernnoten verteilt werden. Sitzenbleiben gibt es nur auf Wunsch der Eltern. Die Klassengrößen liegen im Schnitt bei 15 Schülern.
Das Personal umfasst nicht nur Lehrer, sondern auch Schul-Laufbahnberater, Sozialarbeiter und Sonderpädagogen. Selbst die Putzkolonne und das Küchenpersonal sind in der Regel direkt bei der Schule angestellt.
Allerdings verdienen finnische Lehrer auch rund ein Drittel weniger als ihre deutschen Kollegen. "Ich könnte mir auch hier eine Dienstbesoldungsgruppe für alle Lehrer vorstellen", sagte Domisch wenig wahlkampfkonform.
Auf das Raunen im Publikum reagierte SPD-Landtagskandidat Dr. Thomas Spies umgehend: "Das ist schließlich auch eine Frage von Tarifverhandlungen." Ein Polit-Profi hätte dieses Fettnäpfchen wohl gekonnt umschifft.
Auf die Frage aus dem Publikum, was er denn am ersten Tag als neuer hessischer Kultusminister umzusetzen gedenke, war Domisch aber wieder ganz in seinem Element: "Eine kostenlose warme Mittagsmahlzeit für alle Schüler!" In Finnland ist das übrigens eine Selbstverständlichkeit.
Stephan Sonntag
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