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Musik ist ein Gebet


Giora Feidman beeindruckte in der Elisabethkirche

24.01.2010 (fjh)
"Musik ist ein Gebet", sagte Giora Feidman. Der weltberühmte Klarinettist "betete" am Samstag (23. Januar) in der – bis auf den letzten Platz vollbesetzten – Elisabethkirche.
Gemeinsam mit dem "Gershwin-Quartett" bot Feidmann dort ein eindrucksvolles Programm. Es begann mit einer Darbietung der Streicherin und ihrer drei männlichen Kollegen im Altarraum.
Kaum hatten sie ihr fulminantes Spiel beendet, da erklangvom Foyer her ein sehr leiser Klarinettenton. Allmählich wurden die Töne der Klarinette lauter.
In der vollbesetzten Kirche hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so aufmerksam lauschte das Publikum dem Spiel des Meisters. Ausgesprochen verhalten intonierte er eine melancholische Melodie voller Harmonie und Gefühl.
Langsam ging Feidman auf dem Mittelgang von Reihe zu Reihe voran. Bei jeder Reihe blieb er stehen und spielte die Gäste dort links und rechts mehrere Sekunden lang direkt an, bevor er zur nächsten Reihe weiterschritt.
Auf diese Weise erzeugte Feidman eine wahrhaft berührende Atmosphäre. Selten war Musik so intensiv und gefühlstief wie hier!
Nur sehr langsam wurde Feidmans eindringliches Spiel ein wenig lauter. Erst, als er den Altar erreicht hatte, erreichte es eine normale Lautstärke.Dann setzten die Geiger wieder ein. Gemeinsam mit dem Streichquartett intonierte Feidman ein weiteres Stück. Erst danach gab es die erste Pause für begeisterten Applaus.
Weitere Stücke folgten. Meist ging eine Melodie allmählich in eine andere über. Erst nach drei oder vier Stücken folgte dann eine Pause, die jedes Mal wieder vom begeisterten Applaus der gut 500 Zuschauer gefüllt wurde.

Ein Wermutstropfen waren allerdings die modernen Arrangements der meisten Stücke. Auch bekannte Melodien wie "Hava Nagila" wurden dadurch so gebrochen und verfremdet, dass die Stücke kaum mehr erkennbar waren.
Dennoch bewies auch das Gershwin-Quartett große Virtuosität. Mit der Intensität von Feidmans Spiel konnten die vier Musiker jedoch nicht mithalten.
Im Gegensatz zu Feidmans letztem Besuch in der Elisabethkirche war das Programm diesmal auch weniger vielseitig. Doch beim abwechselnden Spiel auf Tenor- und Bassklarinette zeigte Feidman, dass er trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch voller Kraft, Einfühlungsvermögen und virtuoser Spielfreude steckt.
"Weder im Neuen Testament, noch im Alten Testament, noch im Koran steht geschrieben, dass die Zugabe am Ende des Programms stehen muss", witzelte Feidman vor der angekündigten Pause in seinem eigenwilligen Gemisch aus Deutsch, Jiddisch und Englisch. "Wir spielen die Zugabe jetzt."
Die deutsche, die israelische und die palästinensische Natonalhymne habe er "zusammengerührt", erklärte der Klarinettist, indem er eine kreisende Handbewegung ausführte. Das Ergebnis brachte er dann als Aufruf zur gewaltfreien Lösung von Konflikten zu Gehör.
Danach sangen Feidman, die vier Streicher und sehr bald auch das Publikum gemeinsam ein Lied für den Frieden: "Shalom shaverim!" Beseelt strömten die Menschen danach in die Pause.
Der Name des Streichquartetts gehe nicht auf den einzigartigen Komponisten George Gershwin zurück, sondern auf den Namen des Primarius, erklärte Feidman nach der Pause. Dennoch wolle man auch den gleichnamigen Komponisten erklingen lassen.
Das folgende Potpourri aus verschiedenen Gershwin-Klassikern war leider wieder modern verfremdet, sodass der Genuss nicht ganz so groß war wie bei einer klassischen Darbietung der Stücke. Nur manchmal besaß die moderne Spielweise der Streicher einen eigenen Charme, der das Publikum richtig in den Bann zog.
Nach dem Ende des angekündigten Programms gab es dann doch noch eine Zugabe. Gemeinsam spielten das Gershwin-Quartett und Feidman Tangos von Astor Piazzola.
Da der begeisterte Beifall nicht enden wollte, griff Feidman noch einmal zur Klarinette. "Donna, Donna" war seine unwiderruflich letzte Zugabe.
Diese Anrufung Gottes angesichts der Unfassbarkeit des Holocaust gestaltete Feidman wieder als gemeinsamen Gesang aller Anwesenden. Am Ende forderte er das Publikum auf, sich zu erheben und im Takt zu wiegen.
Wer dieses bewegende Konzert nicht miterlebt hat, wird die besondere Gabe Feidmans nur schwer nachvollziehen können: Der in Israel lebende Klarinettist mit deutsch-jüdischen Wurzeln gestaltete den gesamten Abend zu einem großartigen "Gebet ohne Religion" für gegenseitigen Respekt, Völkerverständigung und Frieden.
Franz-Josef Hanke
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