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Einer wie sonst keiner


Troller faszinierte wie eh und je

18.03.2008 (jnl)
Nonchalance und hohe Kompetenz sind glücklich vereint bei Georg Stefan Troller. Der Altmeister des journalistischen Interviews kam am Montag (17. März) auf Einladung des Vereins "Strömungen" erstmals nach Marburg.
Im Technologie- und Tagungs-Zentrum (TTZ) stellte er seine drei neuesten Bücher vor. In den letzten fünf Jahren hat er jedes Jahr ein neues Buch vorgelegt. Er sei richtig auf den Geschmack gekommen, grinste er schelmisch in die Presse-Blitzlichter. Da die Augen schwächer geworden seien, gehe das mit dem Filmen eh nicht mehr.
Der 86-jährige wirkte glatt fünfzehn Jahre jünger. Die Stimme war kräftig, sein Zugriff auf Themen unerschrocken und sein Eigensinn gewinnend wie eh und je.
Das Foyer des TTZ war mit rund 100 Gästen rappelvoll. Die meisten kennen ihn aus seinen Jahrzehnte zurückliegenden Fernseh-Sendungen. Troller hat viele Bewunderer hier. Das sah man den Gesichtern an.
Eine ganze Stunde lang las er Passagen aus "Ihr Unvergesslichen" vom Jahr 2006, aus "Lebensgeschichten" vom Jahr 2007 und aus "Paris geheim" vom Jahr 2008. Nur - wie ursprünglich angekündigt - sein allerneuestes Werk ans Publikum zu bringen, das wäre ihm zu fade erschienen.
Tatsächlich ist seine Mixtur abwechslungsreich und pikant angereichert mit scharfsinnigen Bemerkungen.
Der Bogen der verbalen Prominenten-Porträts reicht von Edith Piaf über Alain Delon und Romy Schneider bis zu Orson Welles.
Die Piaf charakterisierte er als Männer verbrauchende "Schmetterlings-Sammlerin" mit diktatorischem Habitus. Charles Aznavour bezahlte sie die Nasen-Operation und baute ihn als Sänger auf. Zugleich ließ sie ihn während der acht Jahre in ihrer Entourage nie in ihr Bett, weil sie kurzbeinige Männer erotisch nicht akzeptierte.
Die Spirale ihres Lebens drehte sich immerfort um Selbstzerstörung und Wiederauferstehung. "Was lieben Sie am meisten?", fragte Troller die Piaf damals. "Die Liebe und meinen Beruf", antwortete sie.
"Was hassen Sie?" hakte er nach. "Alles übrige!", setzte sie ihre Pointe.
Artur Rubinstein skizzierte der Journalist als heimlichen "Lady-Killer". In seiner Autobiographie hatte er es tatsächlich unterlassen, mit seinen zahllosen erotischen Eroberungen anzugeben. Troller kitzelte Rubinsteins Lebensmaxime jedoch aus ihm heraus: "Nur wir Musiker haben diesen direkten Zugang zu den Frauen."
Alain Delon war ein extrem misstrauischer Interviewpartner. Troller kennzeichnete ihn als den Kerl mit dem "Kobra-Blick".
Orson Welles wurde anekdotisch verlebendigt als der Mann mit der heiligen Mittagspause und dem eisernen Willen zur technischen Umsetzung.
Der am Donnerstag (12. März) auf der Leipziger Buchmesse herausgekommene Band "Paris Geheim" beschreibt laut Troller etwa fünfhundert bemerkenswerte Orte in Paris, die abseits der touristischen Trampelpfade liegen. Die Stadtviertel gewinnen und verlieren zyklisch an öffentlicher Beachtung und Aufwertung.
En vogue war vor 20 Jahren der Kiez des "Marais", vor zehn Jahren dann der Pariser Osten. Gegenwärtig liegen die angesagtesten kulturellen Pilger-Stätten häufig im Norden der französischen Hauptstadt.
"Pariser haben eine große Schwäche für Theatralik, für Leute die das Leben als Bühne nutzen und als Darsteller was taugen", brachte Troller die Mentalität in seiner Wahlheimat auf den Punkt. Daher würden die Franzosen dem derzeit etwas peinlichen Selbstdarsteller Nicolas Sarkozy wahrscheinlich verzeihen, sofern er als Politiker doch noch etwas leistet.
Im Umgang der "Bourgeois bohemiens" (Bobos) untereinander ist laut Troller Understatement Pflicht. Paris sei nach wie vor das ideale Biotop für Kreative: "eine Stadt, in der man sich nie langweilt".
"Kunst wird als Lebensaufgabe ernstgenommen", erläuterte Troller den Grund dafür. Niemand, der sich in Paris kreativ schaffend verwirkliche, werde als "komischer Kauz" angesehen.
"Was ist Leben? - Die Summe der intensiv erlebten Augenblicke", gab Troller abschließend seine eigene Lebensmaxime preis. In sehr entspannter Stimmung gab es noch eine Fragerunde, die der kraftstrotzende Hochbetagte souverän bediente.
Nur mit Eigensinn und der mutigen Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten schaffe man etwas wirklich Besonderes zu leisten, reflektierte er seinen Lebensweg. Das Publikum aus jung und alt war von ihm überaus angetan. Der Applaus war dementsprechend anhaltend.
Jürgen Neitzel
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