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Für Barrierefreiheit


Susanne Aatz kämpft für eine behindertengerechte Wohnung

20.12.2009 (chr)
"Wenn man in Marburg eine behindertengerechte Wohnung finden will, muss man entweder im Lotto gewinnen oder warten, bis jemand stirbt." Zu dieser Überzeugung ist Susanne Aatz mittlerweile gelangt.
Die 35-jährige Pädagogin ist mehrfach behindert. Trotzdem ist ihre Wohnung nicht darauf eingerichtet.
Als "maximal seniorengerecht" bezeichnet Aatz ihre Wohnung am Richtsberg. Zum Eingang des Hauses Sudetenstraße 8 führt eine Rampe, die für Aatz nur mit Elektro-Rollstuhl zu bewältigen ist.
Für dieses Gefährt bietet die Wohnung aber viel zu wenig Raum. Auf den Elektro-Rollstuhl ist die junge Frau allerdings aufgrund der Schwere ihrer Behinderung verstärkt angewiesen.
Seit dem 14. Lebensjahr wurde ihre Sehkraft in stressbedingten Schüben immer schlechter, sodass Aatz heute fast blind ist. Hinzu kamen in den letzten Jahren eine leichte Gehbehinderung, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel und Schwerhörigkeit.
Lange Zeit konnten sich allerdings weder die Ärzte noch Aatz’ soziales Umfeld diese Symptome erklären. Erst seit 2006 kennt sie eine mögliche Ursache für ihre zahlreichen Beschwerden.
"Pseudotumor cerebri" heißt die seltene Erkrankung, die vor allem unter Frauen auftritt. "Mein Gehirn hat keinen Tumor, tut aber so", erläutert Aatz.
Dabei steigt der Druck der Hirnflüssigkeit, was zu Kopfschmerzen und Schwindel führt. Ebenso reduziert sich durch den Druck die Hirnmasse.
Dadurch werden zuallererst die sensiblen Areale des Gehirns geschädigt. Seh- und Hörstörungen sowie Lähmungen sind mögliche Folgen.
"Bei mir hat man die Erkrankung lange Zeit nicht gesehen, weil mein Sehnerv seit Geburt schon vorgeschädigt war", erklärt Aatz. "Dadurch konnten sich die typischen Symptome nicht voll ausbilden."
Diese Tatsache brachte der jungen Frau selbst seitens ihrer Familie den Ruf einer Simulantin ein, zumal sie als Jugendliche noch Leistungssport betrieb. "Auf die Idee, den Hirndruck zu messen, ist damals keiner gekommen."
Trotz ständiger Kopfschmerzen und abnehmender Sehkraft ging Aatz weiter zur Schule. An der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) machte sie 1995 ihr Abitur.
Anschließend hat Aatz an der Philipps-Universität zuerst Psychologie, dann Pädagogik studiert. 2001 musste sie ihr Studium für zweieinhalb Jahre unterbrechen, weil zu allen Beschwerden noch die leichte Gehbehinderung und chronische multiple Schmerzen hinzukamen.
Durch die Fülle ihrer Einschränkungen lassen sich die einzelnen Schwierigkeiten nicht ausgleichen. Deshalb ist Aatz außerhalb der Wohnung gleichzeitig auf einen Führhund und einen Rollstuhl angewiesen.
Innerhalb ihrer Wohnung muss sie sich aber auch barrierefrei bewegen können. Ein Umbau des viel zu engen Badezimmers wäre allerdings viel zu teuer, stellte ein Gutachter fest.
Auch von ärztlicher Seite aus hat Aatz die Einschätzung, dass sie auf jeden Fall eine barrierefreie Wohnung in der Innenstadt benötigt. Doch trotz eines Wohnberechtigungsscheins findet die blinde Rolli-Fahrerin keine passende Bleibe.
Hier herrsche in Marburg ein eklatanter Mangel, kritisiert sie. "Es gibt unheimlich viele Behinderte, die ähnlich wohnen wie ich oder zum Teil noch schlechter."
Bei dem niedrigen Angebot an behindertengerechten Wohnungen sei die Nachfrage so groß, dass Marburgs Behinderte untereinander schon um Wohnraum buhlten. "Sie sind doch keine Rolli-Fahrerin", bekam Aatz in diesem Zusammenhang auch vom Wohnungsamt zu hören. Selbst andere Körperbehinderte werfen ihr vor, den knappen Wohnraum jemandem wegzunehmen, der ihn dringender benötige.
Dadurch entstehe eine Art Hierarchie-Denken, das die Körperbehinderten gegeneinander ausspiele, klagt Aatz. "Nach dem Motto: Eine Wohnung bekommt nur, wer behindert genug ist!"
Aatz bemängelt das kategorische Denken vieler Betroffener und vor allem der verantwortlichen Sachbearbeiter: "Ich falle hier klar durchs Raster, weil ich meinen Rolli wie meinen Hund jeden Tag unterschiedlich lange brauche."
Zudem seien alle vorhandenen Projekte für barrierefreies Wohnen entweder zu wenig zentral gelegen oder sofort ausgebucht. "Hier muss viel mehr getan werden", fordert die blinde Pädagogin.
"Das ist ja nicht so, dass solche Wohnungen nur Behinderten nützen." In den nächsten Jahren werden auch immer mehr ältere Menschen auf derartige Wohnungen angewiesen sein.
Für Aatz ist eine zentrale barrierefreie Wohnung ebenfalls der letzte Ausweg. "Oder ich muss irgendwann die Entscheidung treffen, dass Marburg für mich kein geeigneter Lebensort mehr ist."
Allerdings fühlt sich die Marburgerin nach 22 Jahren dort zu Hause. Mittlerweile hat sie ihr ganzes Lebensumfeld in der Stadt. Gerne trifft sie sich mit Freunden zum gemeinsamen diskutieren oder geht ins Kino.
Außerdem zählt das Kochen für andere zu ihren Leidenschaften. "Meine Gäste lieben meine Suppen, meine Salate und meine Mousse au chocolat", schwärmt sie.
Obwohl sie klarstellt, dass "Behinderung ein Full-Time-Job" sei, findet Aatz auch Zeit für andere. So gründete sie in der Zeit ihrer schwersten Schübe zwischen 2006 und 2008 den Verein Lustvoll Leben Marburg.
Er bietet Sexualberatung für Behinderte an. Außerdem betreibt Aatz über das Internet eine Selbsthilfegruppe für die Träger von Ableitungssystemen der Hirnflüssigkeit.
Zu guter letzt kämpft sie an allen Fronten für Barrierefreiheit. Auf ihre Initiative hin richtete der Vermieter am Parkplatz ihres Wohnhauses eine Rampe ein.
Dieser Umbau begeistere nicht nur alte Leute und Rollstuhlfahrer, sondern auch Familien mit Kinderwagen. "Was mir nützt, nützt auch anderen", weiß Aatz. Wenn mehr Leute nach dieser Überzeugung lebten, wäre vieles leichter, ist sie sich sicher.
Christian Haas
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