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Klimawandel und heiße Diskussionen


Theisen moderierte HR-Stadtgespräch in der Waggonhalle

09.12.2009 (mim)
Keine heiße Luft, sondern hitzige Diskussionen entwichen am Dienstag (8. Dezember) den Besuchern
der Waggonhalle. Dort fand die Aufzeichnung der Fernsehsendung "Stadtgespräch" des Hessischen Rundfunks (HR) statt.
HR-Chefredakteur Alois Theisen diskutierte mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung , mit Prof. Dr. Klaus Vajen von der Universität Kassel, mit Bürgermeister Dr. Franz Kahle und Dr. Olaf Heil von der RWE Innogy Essen über den Klimawandel. "Was muss getan werden, um einen Klima-Kollaps zu vermeiden?"
Bezüglich der Antworten auf diese Frage teilten sich die Meinungen. Seitens aller Beteiligten kam es dabei zu hitzigen Diskussionen und gegenseitigen Vorwürfen.
Ein wichtiger Punkt der Diskussionsrunde war die Sonnenenergie. Die direkte Umwandlung von Strahlung in elektrische Energie mittels Solarzellen (Fotovoltaik) wurde sehr kritisch betrachtet.
Heil betrachtete den Vorgang als wirtschaftlich nicht sinnvoll. Er schwört auf Solarthermie. Die Umwandlung der Sonnenenergie in Wärme ist Inhalt eines großen Projekts seiner Firma in Spanien.
Seine Aussage stieß vor allem bei Kahle und Vajen auf Kritik. Laut Kahle investieren die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) noch immer in Kohlekraftwerke. Damit blockieren sie die Entwicklung der erneuerbaren Energien.
Vajen warf dem Vertreter der RWE zusätzlich vor, dass die RWE zwar vor Jahren bereits angekündigt hätten, in
regenerative Energien umzustellen. Aber von 25.000 Windmühlen in Deutschland gehören heute
lediglich elf den RWE.
Für die Solarthermie und gegen die Fotovoltaik spricht allerdings auch Vajen, vor allem
was die Aufbereitung von Trinkwasser und Heizwasser betrifft. Um einer Katastrophe zu entgehen, müssten die Menschen bis 2050 ihren derzeitigen Verbrauch von
zehn Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und pro Jahr auf nur zwei Tonnen reduzieren. Sogar ein sofortiger Ausstieg würde nicht ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen.
Theisen fragte dennoch alle Beteiligten, ob es denn bis 2050 zu schaffen sei, komplett auf
regenerative Energien umzustellen. Auch wenn dieses Vorhaben komplett neue Netzwerk-Systeme erfordere, so blickten Vajen und Kahle dennoch optimistisch in die Zukunft.
Zwar ist es laut Vajen wahrscheinlich nicht möglich, bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umzustellen. Er zog allerdings in Erwägung, dass es sehr wohl möglich sein werde, bis 2050 90 Prozent der Energie aus regenerativen Quellen zu gewinnen.
Ein wichtiger Wegweiser in die richtige Richtung sei die Kraft-Wärme-Kopplung. Dabei wird die bei der Stromerzeugung anfallende Wärme ebenfalls genutzt.
Als weiteren Blick in die "richtige Richtung" nannte Kahle das baden-württembergische Wärmegesetz. Das Bundesland solle hier als Vorbild dienen.
Auch ist der Bürgermeister trotz juristischer Schwierigkeiten nach wie vor für eine Solar-Satzung in Marburg. Sie besagt, dass sich bald Solar-Anlagen auf allen neuen Dächern und sogar nach Umbauten von auf alten Gebäuden befinden sollten.
Kahle betonte, dass die Windkraft heutzutage in manchen Bundesländern schon immerhin für 40 bis 50 Prozent der Energiegewinnung zuständig ist. Ihr Potenzial sei unterschätzt worden. Kahle riet deshalb
von einer vorschnellen Verurteilung der Sonnenenergie ab.
Jung zeigte sich kooperativ. Obgleich die CDU als
"Bremser" der Entwicklung von erneuerbarer Energie gelte, handele es sich hierbei um ein überparteiliches Problem.
Kohlekraftwerke dienen laut Jung lediglich der Aufstockung regenerativer Energien. Die Atomkraft betrachtet auch er sehr kritisch.
Er ist zwar für einen Ausstieg, die Alternativen müsse man aber trotzdem abwägen. So wäre es keine sinnvolle Option, Strom aus dem Ausland zu beziehen oder gar einen Ausfall durch Kohlekraftwerke auszugleichen.
Auf die Frage, ob es denn sinnvoll wäre, die Atomkraft noch weiterlaufen zu lassen, um durch den Gewinn den Ausbau der erneuerbaren Energie zu finanzieren, gab Kahle eine vom Publikum bejubelte Antwort. Man müsse die Atomkraftwerke sofort schließen. Jeder Tag, an dem Atommüll produziert werde sei ein verlorener Tag.
Die Zukunftsvisionen der RWE hingegen wurden von allen Seiten eher belächelt. Die Kohlendioxid-Abspaltung und die Energiegewinnung durch saubere Kohle betrachteten sie als nicht mehr relevant.
Einig waren sich alle Beteiligten offensichtlich nur darüber, dass der Klimawandel nicht mehr abzustreiten sei und dass er auch vom Menschen hervorgerufen
werde. Obwohl schon seit 150 Jahren Wärmedaten aufgezeichnet werden, fanden vier der fünf wärmsten Jahre immerhin in diesem Jahrhundert statt.
Mira Minges
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